(Selbst)Beobachtungen der Vienna Symphonic Library

Die Frage, was genau ein virtuelles Instrument ist, bzw. ob das Instrument ĂŒberhaupt als virtuell gedacht werden kann, beschĂ€ftigt mich schon eine ganze Weile. Es ist die Frage nach der Verortung des Musikinstruments in Zeiten digitaler VirtualitĂ€t. Wenn es nach der Musikinstrumentenindustrie geht, scheint die Frage klar – wie etwa die Kategorie “Virtuelle Instrumente und Sampler” im Online-Store eines großen Versandes fĂŒr Instrumente zeigt. Software kann hiernach als Instrument gesehen werden, und wenn nicht, ist es möglicherweise der Computer oder das Interface in Kombination mit der Software – aber darum geht es diesmal nicht.

Auf der Homepage der VSL, einer renommierten Library virtueller Sampling-Instrumente, gibt es eine Sparte zur “Instrumentenkunde“. Mit umfangreichen Informationen zu Geschichte, Aufbau und Tonumfang verschiedenster Musikinstrumente ist dort ein kleines Instrumenten-Lexikon entstanden. Der Computer und virtuelle Instrumente allerdings fehlen hier – neben den elektronischen und elektroakustischen Instrumenten. Das kennt man natĂŒrlich aus den Musik-Fachbereichen der UniversitĂ€ten oder dem Musikunterricht an Schulen (wo es meist bei einem Verweis auf elektrophone Instrumente bleibt), es fĂ€llt im Grunde zunĂ€chst nicht einmal mehr sonderlich auf. Was ich allerdings doch bemerkenswert finde, ist der Umstand, dass in diesem Fall ein Hersteller von Software-Instrumenten seine eigenen Produkte und den Computer als Werkzeug, der sie erzeugt, aus den eigenen Beobachtungen herauskĂŒrzt. Offenbar stellt VSL keine Musikinstrumente her.

Oder eben doch – und dieser Gedanke fĂŒhrt auf die Spur der Simulation. Es gibt im Softwarebereich mehrere Möglichkeiten, traditionelle Instrumente (respektive deren Klang!) zu simulieren, und die des Samplings ist diejenige, die VSL mit am besten beherrscht. Meine Vermutung ist hier, dass die simulierende Software eben nicht als Software wahrgenommen “werden will”, sondern als Verweis auf etwas (das Instrument) und gleichsam hinter diese Referenz zurĂŒcktritt. Das Neue des Neuen Mediums verschwindet mal wieder hinter der vielgestaltigen MetaphorizitĂ€t (Tholen), die es ermöglicht.

Kirchenorgel und Cyber-Instrumente

Die Unterscheidung von natĂŒrlichen und technischen Instrumenten ist, wie hier mittlerweile dargestellt wurde, eine kĂŒnstliche, eine normative Unterscheidung. Instrumente sind Musikmaschinen auf dem Stand der jeweiligen technischen Möglichkeiten der Gesellschaft. Die ZusammenhĂ€nge zwischen modernen Cyber-Klangerzeugern und traditionellen Instrumenten sind dabei aber noch weitaus verwobener, was hier am Beispiel der Modularisierung gezeigt werden soll.

Modularisierung

Ein charakteristisches Merkmal der Instrumentenentwicklung ist die Modularisierung. Der sprichwörtliche Modulsynthesizer etwa ist und war immer ein Baukasten, der beispielsweise aus Oszillator, Modulator, VerstĂ€rker und Filter (als nur eine mögliche AusprĂ€gung) besteht und seine Klaviatur wohl hauptsĂ€chlich aus ökonomischen Gesichtspunkten verpasst bekam, sie kann ja prinzipiell auch ausgelassen werden, wie hier mittlerweile beschrieben wurde. Bernd Enders charakterisiert die Modularisierung, die Klangerzeugung und Klangsteuerung voneinander löst, folgendermaßen:

Durch die Elektrifizierung und Elektronifizierung der Instrumente entfĂ€llt endgĂŒltig der technische Zusammenhang zwischen Klangerzeugung und Klangsteuerung, zwischen Generator und Controller. Das Interface, das den musizierenden, also den klangsteuernden Menschen mit den klangerzeugenden (oder klangverĂ€ndernden) Modulen eines Instruments, also zum Beispiel den Oszillatoren (oder Filtern) eines Synthesizers verbindet, kann völlig beliebig gestaltet werden. (Enders, Bernd: Mathematische Musik – musikalische Mathematik. S.27)

Klang und Haptik eines Instruments mĂŒssen demnach getrennt voneinander gedacht werden, in Folge wird eine Taxonomie dieser neuen, modularen Instrumente sehr schwierig. Die Instrumentenkunde steht vor großen Herausforderungen.

Virtuelle Instrumente in geistlicher Tradition

Virtuelle Instrumente stehen im Grunde in der Tradition konventioneller, modular aufgebauter Synthesizer. Vielfach sind sie rein klanglich eng an große, analoge Vorbilder des RL (real life) angelehnt und weisen eine detailgetreue optische Nachbildung der Originale auf. Zudem sind sie offen fĂŒr verschiedenste Interfaces wie Computertastatur und Maus, MIDI-Keyboard, Bandmanual und Ă€hnliches. Michael Harenberg zeigt in seinem Essay “Von der Orgel zum Cyber-Instrument” auf, dass wiederum die Kirchenorgel als VorlĂ€ufer dieser frĂŒhen, analogen Modulsynthesizer gesehen werden kann, denn bereits sie ist ein fortgeschritten modulares Instrument. Er kennzeichnet damit virtuelle Synthesizer als rezente AusprĂ€gungen modularer Instrumente, deren Entwicklung bis zur Kirchenorgel zurĂŒckreicht. Wieder mal aus dem Archiv des LĂŒneburger Audio-Servers.

Entscheidend ist die Trennung von Spieltisch als „Interface“ und dem „Instrument“. Die Bedienungseinheit wird historisch erstmalig unabhĂ€ngig vom Klangkörper inszeniert, ein Denken in der Trennung von „Komposition“ „Klang“ und seiner Erzeugung, welches nach 1945 in der Elektronischen- und Computermusik sowie im Parameterdenken der seriellen Ästhetik höchste AktualitĂ€t erlangen sollte. Gleiches gilt Ă€hnlich fĂŒr automatische Musikinstrumente in der Trennung von „Antrieb“, „Informationsspeicher“ und klingendem Instrumentarium bis zu den computerisierten Instrumenten unserer Zeit. (http://audio.uni-lueneburg.de/texte/harenberg_virtuell.pdf, S.4)

Weiterlesen:

Es sei hier auf ein 1930 erschienenes Werk von Leo Kestenberg hingewiesen, ein Pionierwerk der Auseinandersetzung mit dem Thema “Kunst und Technik”. Es ist – neben vielen anderen interessanten Werken –  zu bestellen oder gratis online einsehbar bei unserem UniversitĂ€tsverlag epOs.

Hier ein Link zu einem Essay ĂŒber Instrumenten-Design von Johannes Kreidler, Hinweis kam per Mail, danke dafĂŒr.