Digitale Prä-Renaissance

Ich habe Michael Harenberg in einer Email gefragt, was er mit der digitalen “Prä-Renaissance” meint, von der er in seiner (noch unveröffentlichten) Dissertation “Virtuelle Instrumente im akustischen Cyberspace” schreibt. Hier die Antwort dieses “Mini-Interviews”:

(…) mein Gedanke ist der, dass wir sowas wie eine adäquate digitale Ästhetik noch garnicht haben und daher eigentlich noch in der Vor-Digitalen Phase sind, in der wir das Digitale durch eine Simulationsästhetik begonnen haben zu erforschen. Die These wäre also, dass die Simulationen im Digitalen ja erst die eine Seite der Turingmaschine bedienen – die der Simulation (hier: des Analogen). Aber das was es an originärer algorithmischer etc. Ästhetik “im ganz anderen” des Digitalen zu entdecken gibt, beginnen wir erst langsam zu verstehen.

Wenn ich sehe wie die Tools vor 5 Jahren ausgesehen haben und wie sich das entwickelt, halte ich das nach wie vor für eine adäquate Erklärung …

iPad App des Jahres 2011 – eine Simulation

Ist jetzt schon eine Weile her, dass Apple die Apps des Jahres 2011 gekürt hat (Rewind 2011, iTunes Link). Auf Platz eins bei den Programmen für das iPad landete die Software “djay”. Ich mag djay als Anwendung, es läuft flüssig, vielleicht leg ich auch mal damit auf – was wirklich nicht häufig vorkommt.

Aber eine DJ-Software, die unter der Prämisse der Simulation steht, zum App des Jahres zu machen, zeigt, dass wir noch längst nicht aus der “digitalen Prä-Renaissance” (Harenberg) hinausgekommen sind. Digitale Virtualität ermöglicht mehr als die Simulation nicht virtueller, nicht-digitaler Vorgängertechnologie. So werden wir strukturell Virtualität weiter als Verweis auf ein Original betrachten – die eigentlich schon gelöschte Unterscheidung real/virtuell wird hier unter der Hand mitgeführt.

(Selbst)Beobachtungen der Vienna Symphonic Library

Die Frage, was genau ein virtuelles Instrument ist, bzw. ob das Instrument überhaupt als virtuell gedacht werden kann, beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Es ist die Frage nach der Verortung des Musikinstruments in Zeiten digitaler Virtualität. Wenn es nach der Musikinstrumentenindustrie geht, scheint die Frage klar – wie etwa die Kategorie “Virtuelle Instrumente und Sampler” im Online-Store eines großen Versandes für Instrumente zeigt. Software kann hiernach als Instrument gesehen werden, und wenn nicht, ist es möglicherweise der Computer oder das Interface in Kombination mit der Software – aber darum geht es diesmal nicht.

Auf der Homepage der VSL, einer renommierten Library virtueller Sampling-Instrumente, gibt es eine Sparte zur “Instrumentenkunde“. Mit umfangreichen Informationen zu Geschichte, Aufbau und Tonumfang verschiedenster Musikinstrumente ist dort ein kleines Instrumenten-Lexikon entstanden. Der Computer und virtuelle Instrumente allerdings fehlen hier – neben den elektronischen und elektroakustischen Instrumenten. Das kennt man natürlich aus den Musik-Fachbereichen der Universitäten oder dem Musikunterricht an Schulen (wo es meist bei einem Verweis auf elektrophone Instrumente bleibt), es fällt im Grunde zunächst nicht einmal mehr sonderlich auf. Was ich allerdings doch bemerkenswert finde, ist der Umstand, dass in diesem Fall ein Hersteller von Software-Instrumenten seine eigenen Produkte und den Computer als Werkzeug, der sie erzeugt, aus den eigenen Beobachtungen herauskürzt. Offenbar stellt VSL keine Musikinstrumente her.

Oder eben doch – und dieser Gedanke führt auf die Spur der Simulation. Es gibt im Softwarebereich mehrere Möglichkeiten, traditionelle Instrumente (respektive deren Klang!) zu simulieren, und die des Samplings ist diejenige, die VSL mit am besten beherrscht. Meine Vermutung ist hier, dass die simulierende Software eben nicht als Software wahrgenommen “werden will”, sondern als Verweis auf etwas (das Instrument) und gleichsam hinter diese Referenz zurücktritt. Das Neue des Neuen Mediums verschwindet mal wieder hinter der vielgestaltigen Metaphorizität (Tholen), die es ermöglicht.