Fade Out Lines – Maximum Warp

Derzeit relativ hoch in den iTunes Single Charts (#3) findet sich ein Track namens “Fade Out Lines” von “The Avener”. Der ist in mehrerer Hinsicht spannend und war Anlass für Spekulation (ich meine die folgenden Absätze nicht abwertend, ich bin nur den aktuellen Produktionswegen und ästhetischen Strategien auf der Spur).

Man hat gleich den Eindruck, dass hier ein bestehendes Stück gesampelt, bzw. im Tempo verändert und mit zusätzlichen Sounds (Kick, Claps/Snare, Synthbass) unterlegt wurde. Die übermächtige Kick passt irgendwie nicht so ganz zur ansonsten nach akustischem Retrofilter klingenden Produktion. Es ist also vermutlich ein Remix, bei dem man die Attribution “vergessen” hat – denn das “Original” verrät der Titel ja nicht. Spannend, denn meist schreibt der Remixer, offiziell oder inoffiziell, den Namen des ursprünglichen Interpreten ja mit in den Titel oder setzt voraus, dass man den Künstler des als Original gesetzten Stückes kennt.

Die Soundqualität ist dabei insgesamt ziemlich miserabel (damit meine ich nicht das unüberhörbare Grundrauschen oder den generellen Retro-Ansatz, das ist alles schon ganz gut getroffen und passt weitgehend zusammen). Es klingt einfach, als sei das Material kaputt, zu drastisch verformt, es wabert und schwabbelt im Basston, die Hihiats sind ziemlich im Eimer und klingen nicht mehr tight (das liegt nicht am Youtube-Clip). Hier hat also jemand – vermutlich mit Ableton Live – den Originalsong tonhöhenunabhängig im Tempo verändert (leider wohl, ohne den Pro-Algorithmus zu verwenden, aber auch das ist Spekulation), mit Clubkick und -sounds versehen, dann bei Soundcloud o.ä. hochgeladen und nach einer gewissen Zahl an Clicks & Likes ist dann das Label aktiv geworden und hat hier das clearing übernommen, damit es auch ein offizielles Release für iTunes etc. werden konnte – mit großem Erfolg offenbar. Anders ist es ja bekanntermaßen bei Robin Schulz auch nicht gelaufen. Shameless self-plug: wir sind übrigens derzeit mit Robins Album “Prayer” auf Platz 7 der deutschen Album-Charts 🙂

Man stößt bei einer kurzen Netzrecherche natürlich sofort auf den ursprünglichen Song, viele Berichte über The Avener weisen auch explizit darauf hin: er ist von Phoebe Killdeer & The Short Straws: The Fade Out Line, 2012. Ob es eine noch ältere Version des Tracks gibt weiß ich nicht, diese hier hat The Avener jedenfalls für seinen Remix benutzt und die knapp 100bpm auf ca. 119bpm hochgeschraubt. Fade out Lines von The Avener ist also ein Track, der ein älteres Stück sampelt, dass selbst retro klingen möchte und noch gar nicht so alt ist, wie es zunächst wirkt.

Das mag man mit kleinen Ohrstöpseln nicht so mitbekommen, auf Studiomonitoren kann man sich das allerdings kaum anhören, vor allem mit dem Original im Vergleich. Auch im Club klingt der Track nicht so richtig, was unter anderem am wabbeligen Basston liegen könnte. Die überlaute Kick sollte wahrscheinlich versuchen, dies zu kaschieren.

Die zwei Wurzeln des Remix

In seinem Beitrag zum 2008er Sammelband “PopMusicology” (Transcript, Bielefeld) schreibt Rolf Großmann über die Rolle medientechnischer Verfahren und technikkulturelle Transformationen im Kontext des Aufkommens von Popmusik und geht dabei auch auf die Technik des Remixing ein. Vor allem der Hype um die “Mashups” hat meiner Meinung dazu beigetragen, dass der Begriff zunehmend indifferent verwendet wird (im lässig postmodernen Gestus “Everything is a remix”, der dann auch das “Sampling” einschließt). Wie Großmann schreibt, entwickelte sich der Remix

 (…) parallel in zwei musikalischen Kulturen, im jamaikanischen Dub und im im Disco der 1970er Jahre. Im Kreis der New Yorker Discoszene arbeitete ein Klangbastler namens Tom Moulton 1972 mit einem Verfahren, das er “Remix” nannte und das sich bald als gängige Praxis der Verlängerung von Discostücken (u.a. auf der dafür geschaffenen Maxi-Single) durchsetzte. Während im Disco der Remix unter Zuhilfenahme der Masterbänder eine Produktion durch Umstellung, Wiederholung von Parts und durch Hinzufügung von percussiven Teilen im Sinne des Nonstop-Dancing optimierte, ging das gestalterische Konzept des Dub tiefer. (S. 128)

Die heutige etwas schwammige Verwendung ist demnach also gewissermaßen vorprogrammiert und auf diesen – kulturell und medientechnisch gesehen – dualen Ursprung zurückzuführen. Über den Dub-Remix schreibt Großmann:

Hintergrund des Dub-Remix ist die Verselbständigung der Background-spur eines Songs ohne Vocals auf der B-Seite einer Platte. Diese “Version” genannte Praxis erlaubte es den DJs der Soundsystems, besser mit dem Publikum zu kommunizieren, es selbst singen zu lassen oder zu “toasten”, wie die jamaikanische Vorform des Rap genannt wird. Gleichzeitig werden mit ein und demselben Background mehrfache Produktionen möglich und üblich. Die Identität eines Songs wechselte auf diese Weise von Melodie und Text über zur rhythmischen Grundstruktur, die als “riddim” zum Volksgut wurde. (S. 128)

Eine rein medienförmige Definition des Remix dürfte demnach kam zu realisieren sein. Was jenseits solcher Tool-Ontologie als Definition eines Remix herhalten könnte, hat den Blick auf Remixing als Kommunikationsform gerichtet. Vorschlag: Ein Remix als Form einer (musikalischen) Kommunikation verweist immer offen auf bereits Bestehendes und gilt als Version/Variation von etwas, das als Original gesetzt wird. Der Remix zeigt die Verlinkung mit diesem Original.

Hier liegt ein entscheidender Unterschied zum Sampling, bei dem ein vorgefertigter Sound, z.B. das berühmte Amen-Break, eine neue musikalische Rolle bekommt und mit neuem musikalischen Sinn überschrieben wird. Die Herkunft bleibt “Eingeweihten” vorbehalten. Als Kommunikation steht das Sample für nichts anderes als sich selbst.

 

Literatur:

Großmann, R. (2008). Die Geburt des Pop aus dem Geist der phonographischen Reproduktion. In C. Bielefeldt, U. Dahmen, & R. Großmann (Eds.), PopMusicology. Bielefeld: Transcript.