Realität vs. Virtuelle Realität?

Eigentlich war ich ja mit meinem eigenen “Realität/virtuelle Realität” Diskurs weitgehend durch. Aber im Zuge einiger spannender Diskussionen mit Sebastian Plönges und Florian Grote auf der #HyperkultXX fielen mir dann doch noch ein Detail zum Diskurs auf, der natürlich keinen ontologischen Dualismus vermeiden hilft – und auch keine Definition der VR ist. Nur ein Detail, eben.

Der Terminus VR wird von Jaron Lanier auf der SIGGRAPH-Konferenz in Boston 1989 eingeführt. Ich denke nicht, dass man bei einem Begriff, der aus der Cyber-Industrie stammt, unbedingt Wert darauf legen kann oder sollte, dass er widerspruchsfrei und wissenschaftlich völlig eindeutig ist – das scheint ja schon mit Begriffen aus dem wissenschaftlichen Diskurs kaum durchzuführen zu sein. Und dann noch eine Kombination der philosophisch aufgeladenen Begriffe Virtualität und Realität? Deshalb denke ich, das z.B. etymologische Ansätze zur theoretischen Durchdringung des Begriffs Virtuelle Realität, wie sie in vielen Büchern in bisweilen ziemlich spitzfindiger Art und Weise zu finden sind, letztlich unbefriedigend bleiben müssen. Auch ist es unerheblich, herausfinden zu wollen, was Lanier “wirklich” meinte.

Na ja, wenn schon spitzfindig, dann vielleicht so: Ich denke, dass ein schlichter Dualismus von Realität und Virtuelle Realität letztlich unzulässig ist, weil man hier verschiedene, differente Ebenen miteinander vergleicht – diese Gegenüberstellung verläuft asynchron, bzw. sie verdeckt, dass eine grundlegendere Unterscheidung existiert und bereits aufgelöst wurde. Diese grundlegendere Unterscheidung ist die von Realität und Virtualität. Lanier stellte nun fest, dass sich Realität (z.B. Raumeindruck) ziemlich einfach herstellen lässt – der gewohnte Sinnesinput wird unterbunden und möglichst umfassend ersetzt: er führte die Virtualität auf Seiten der Realität wieder ein. Beide sind natürlich vergleichbar, aber nicht im Sinne einer dualistischen Gegenüberstellung.

Auf der Begriffsebene bleibt dies natürlich unbefriedigend, die Attribution “virtuell” bleibt und kann immer noch mit “scheinbar” oder “potenziell” gleichgesetzt werden (auch wenn dies nach Peirce unzulässig ist). Treffender erscheint für mich hier Espositos “reale Virtualität”: der umgekehrte Weg – die Realität wird auf der Seite der Virtualität eingeführt.

 

 

 

Löschen von Dateien bestätigen

Piazzi und Seydel schreiben in Die Form der Unruhe 2 (Buchtitel passt übrigens bestens zum Blogtitel hier):

Die Unterscheidung »Real : Virtuell« ist längst gelöscht. Was bleibt, aktueller denn je, ist die alte Frage: Wer kann seinen Ideen besser, glaubwürdiger, kompetenter, intensiver, lauter, länger, dominanter, mächtiger, gewaltiger zu einem Durchbruch verhelfen?

Piazzi, Tina/ Stefan M. Seydel. 2010. Die Form der Unruhe 2: Die Praxis [Broschiert]. Hamburg: Junius Verlag, S. 86

 

Derealisierungsangst als syllogistischer Fehlschluss

Ich wollte schon seit längerer Zeit auf einen Blogeintrag von Sebastian hinweisen, der aus einer kurzen Twitter-Konversation mit mir entstanden ist. Es ging um Probleme, die auftreten, wenn man eine neue Unterscheidung, hier: real/virtuell, mit althergebrachten Unterscheidungen, etwa real/fiktiv vergleicht und dann in einem syllogistischen Fehlschluss Fiktion mit Virtualität in Verbindung bringt und/oder gleichsetzt. Sebastian hat meinen Derealisierungs-Kompaktbegriff in eine etwas ausführlichere und anschaulichere Form gebracht und für einen philosophisch stringenteren Hintergrund gesorgt.

Hier findet sich der Eintrag.

Die Bezeichnung “Virtuelle Realität” ist eine neue Bezeichnung, und als solche erzeugt sie eine grundsätzlich neue zweite Seite der Unterscheidung. Die Realität, die wir in Kontrast zur Virtuellen Realität als Real Life bezeichnen, ist ein neues Phänomen. Wir müssen sie neu erklären und Begriffe für etwas finden, das zuvor unerklärt geblieben ist.

Zum Solipsismusvorwurf

Nachdem der letzte Beitrag mit Maturana davon ausgegangen war, dass naturwissenschaftliche (im Grunde jegliche) Erkenntnis keine ontischen Realitäten aufdeckt, sondern vielmehr eine Welt erst hervorbringt, müssen zwei Aspekte näher betrachtet werden, bevor im Thema fortgefahren werden kann. Zum einen muss geklärt werden, was Maturana explizit mit der naturwissenschaftlichen Methode meint. Zum anderen stehen de-ontologisierte Erkenntnistheorien bisweilen unter Solipsismusverdacht (Solipsismus als die philosophische Tradition, die nur die Existenz der eigenen Innerlichkeit annimmt). Dieser Eintrag soll zu letzterem Stellung nehmen. Bei Anzenbacher findet sich folgende Formulierung, die sich auf Philosophie allgemein bezieht:

Erfahrung ist ein „Schon-sein-bei-der-Welt“. Hat Philosophie Erfahrung zum Ausgangspunkt, so ist eben dieses „Schon-sein-bei-der-Welt“ ihre Voraussetzung. Es wird zwar kritisch auf seine Bedingungen hin hinterfragt, kann jedoch nicht als Voraussetzung in Frage gestellt werden. (Anzenbacher, Arno: Einführung in die Philosophie. Freiburg: Herder. S.115)

Anzenbacher macht die Außenwelt/Realität/Welt also zum Ausgangspunkt jeglicher Erfahrung. Sie ist Voraussetzung für Erkenntnis und kann als solche nicht in Frage gestellt werden. Auch wenn dies eine prinzipiell sympathische Darstellung und das “Schon-sein-bei-der-Welt” auch eine schöne Formulierung ist, bleibt dies jedoch eine stark ontologische und in diesem Kontext unbefriedigende Lösung. Es ist und bleibt in dieser Form eine der prinzipiell unentscheidbaren Fragen Heinz von Foersters, die entschieden werden können (und müssen), gerade weil sie unentscheidbar sind. Auch bei Humberto Maturana und Francisco Varela wird das Leugnen der Realität prinzipiell und gleichsam rundheraus abgelehnt.

Auf der anderen Seite haben wir die andere Falle: ein umliegendes Milieu zu negieren in der Annahme, daß das Nervensystem in einem völligen Vakuum funktioniert, wo alles gültig und möglich ist. Das ist das Extrem der absoluten kognitiven Einsamkeit, des Solipsismus (der klassischen philosophischen Tradition, die behauptete, daß nur die eigene Innerlichkeit existiert). (Maturana, Humberto; Varela, Francisco: Der Baum der Erkenntnis. München: Goldmann. S.146)

Maturana möchte im Sinne von naturwissenschaftlichen Erklärungen Erfahrung mit Erfahrung erklären, Kognition mit Kognition (wie der letzte blog post bereits beschrieben hat, kommt die Naturwissenschaft gänzlich ohne Ontologie aus – im Gegensatz zur Philosophie, aber dazu sollte ein eigener Eintrag Stellung nehmen). Dies allein zeigt schon, dass eine fundierende, hinter den Dingen stehende Realität jegliche Aussagekraft und argumentative Relevanz verliert. Eine “aufgesetzte” Feststellung wie die oben zitierte ist für eine systemtheoretische Darstellung (denn auch Maturanas Konzepte sind am Begriff des Systems ausgerichtet) eine im Grunde überflüssige, wenngleich verständliche Reflexhandlung auf den Solipsismusvorwurf.

In der Systemtheorie nach Niklas Luhmann finden wir ganz ähnliche Ansichten: Hier kommt eine “wirkliche Welt” in der Unterscheidung System/Umwelt zunächst vor – und verschwindet daraufhin sofort wieder. Die unerkannt bleibende Realität bildet die Voraussetzung für das Zustandekommen des Systems, das fortan aber immer (hier nimmt Luhmann Bezug auf George Spencer Brown) auf der Innenseite, der Systemseite operiert und niemals nach außen gelangen kann. Christian Schuldt hält in seinen Zusammenfassungen zu Luhmanns Systemtheorie fest:

Systeme sind immer nur Systeme in Differenz zu einer Umwelt: ohne Umwelt kein System. (Schuldt, Christian: Systemtheorie. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt. S.9)

Luhmann selbst dazu:

Es gibt eine Außenwelt, was sich schon daraus ergibt, daß das Erkennen als selbstgetätigte Operation überhaupt durchgeführt werden kann; aber wir haben keinen unmittelbaren Zugang zu ihr. Das Erkennen kann nicht ohne Erkennen zur Außenwelt kommen. Es ist, mit anderen Worten, Erkennen nur als selbstreferentieller Prozeß. Das Erkennen kann nur sich selber erkennen, obwohl es, gleichsam aus den Augenwinkeln, noch feststellen kann, daß eben dies nur möglich ist, wenn es mehr gibt als nur dies. Das Erkennen hat es mit einer unbekannt bleibenden Außenwelt zu tun, und es muß folglich lernen, zu sehen, daß es nicht sehen kann, was es nicht sehen kann. (Luhmann, Niklas: Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus und die unbekannt bleibende Realität. In: ders.: Soziologische Aufklärung. Konstruktivistische Perspektiven. Wiesbaden: VS. S.32)

Damit dürfte zum Solipsismusvorwurf das Wesentliche gesagt sein. Im nächsten Beitrag soll es um eine genauere Darstellung von Maturanas Vorstellungen zu naturwissenschaftlichen Theorien gehen.

Realität und naturwissenschaftliche Erklärungen

Ich möchte im Laufe dieses Blogs eine epistemologische Annäherung an virtuelle Instrumente versuchen und mit diesem Beitrag eine Art Serie beginnen (in letzter Zeit waren die Beiträge etwas ungeordnet). Mich interessiert, was Virtualität sein könnte und in welchem Verhältnis sie zur einer wie auch immer gearteten Realität steht. Das Oxymoron virtuelle Realität (VR) legt ja den Schluss nahe, es gebe eine Realität, die in der Virtualität simuliert wird, also ihr Abbild findet. Es erscheint mir dabei nicht zielführend, das alltagssprachliche Gebilde VR bloß analytisch hin und her zu drehen, bis eine einigermaßen stimmige/richtige Lösung für eine Interpretation gefunden ist. Auch eine Umbenennung (z.B. Cyberspace als durchaus geeignetere Alternative) kann tiefergehende Fragen nicht beantworten.

Ich möchte zunächst einen fundierten Realitätsbegriff erarbeiten, auf dem dann auch Überlegungen zur Virtualität Halt gewinnen. Dabei beziehe ich mich grundlegend auf Konzeptionen des chilenischen Neurophilosophen Humberto Maturana. Ich finde Maturanas Realitätskonzeptionen ausgezeichnet, weil sie naturwissenschaftliche Erklärungen sind. Maturana ist in Deutschland zu einem Gutteil bekannt, weil Niklas Luhmann in seinen systemtheoretischen Werken Maturanas Konzept der “Autopoiese” (Zusammen mit Francisco Varela, siehe: Maturana, Humberto, Varela, Franciso: Der Baum der Erkenntnis. München: Goldmann) als Merkmal lebender Systeme übernommen und über die von den Autoren geduldeten Grenzen hinweg ausgedehnt hat. Übrigens ist auch Maturanas Werk am Begriff des Systems ausgerichtet (ein Vergleich über Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Maturana und Luhmann wäre hochinteressant). Ich möchte naturwissenschaftliche Erklärungen der Realität verwenden, weil Naturwissenschaft gänzlich ohne Ontologie auskommt. Dies klingt zunächst ungewöhnlich, da Naturwissenschaften allgemein ja als Quelle “harter Fakten” oder “objektiven Wissens” gelten. Maturana hingegen deutet diese “harten Fakten” anders: Für ihn erklärt die Wissenschaft Erfahrung mit Erfahrung (ein Paradox, dass es auszuhalten gilt), für die es keine a priori gültigen Prinzipien braucht. Entscheidend ist allein die Bewahrung von Kohärenzen der Erfahrung. In der Systemtheorie nach Luhmann hieße es an dieser Stelle wahrscheinlich: Wissenschaft operiert mit der Unterscheidung wahr/unwahr. Für diese Unterscheidung ist keine Ontologie erforderlich (hier dürften dann wiederum Vertreter der Evolutionären Erkenntnistheorie widersprechen…). Maturana hingegen stellt fest:

Naturwissenschaftliche Aussagen sind konsensuelle Aussagen, die nur in der Gemeinschaft der Standardbeobachter gültig sind, die sie erzeugt; Naturwissenschaft als der Bereich naturwissenschaftlicher Aussagen bedarf keiner unabhängigen objektiven Realität, noch auch enthüllt sie eine solche (Maturana, Humberto R.: Ontologie des Beobachtens. Die biologischen Grundlagen des Selbst-Bewußtseins und des physikalischen Bereichs der Existenz. S.152. In: ders.: Biologie der Realität. Frankfurt/Main: Suhrkamp)

Ganz gemäß seiner Ansicht, die grundlegende Operation, die wir als Beobachter ausführen können, sei die Unterscheidung, die somit unterschiedene Phänomene erst erzeugt, deckt Wissenschaft – auch Naturwissenschaft – eine oder die Welt nicht auf, sie bringt sie vielmehr erst hervor. Interessanterweise taucht meines Wissens in “Biologie der Realität” der Name George Spencer-Brown nicht auf (!).

Die Naturwissenschaft ist kein Verfahren, eine eigenständige Realität zu enthüllen. Sie ist vielmehr ein Verfahren, eine besondere Realität hervorzubringen, die an die Bedingungen gebunden ist, welche den Beobachter als Menschen konstituieren (ebd.)

Maturana legt an verschiedenen Stellen Kriterien der Validierung naturwissenschaftlicher Erfahrung dar (in Abgrenzung zu philosophischen Konzeptionen). Das aber sollte Inhalt eines eigenständigen Eintrags werden. Auch eine Positionierung zum Solipsismus-Vorwurf, der nach der Zitation der beiden Textstellen im Raum stehen dürfte, ist sinnvoll.

Fazit: 

Die Zitate Maturanas deuten eigentlich schon an, in welche Richtung sich die Realitätskonzeptionen entwickeln werden: Es gibt keine in irgendeiner Form zu erkennende Realität, keine frei zu legenden, ontischen Wirklichkeiten. Ist also möglicherweise alles irgendwie virtuell? Kann sein. Bloß: diese “lässig-postmoderne” (Jörissen, Benjamin: Beobachtungen der Realität. Die Frage nach der Wirklichkeit im Zeitalter der Neuen Medien. Bielefeld: Transcript. Rückseite/Klappentext) Haltung führt zu keiner befriedigenden Lösung. Denn das, was mit dieser Unterscheidung verdeckt wird, ist ja gerade das spezifische virtueller Welten.

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