Luhmann: Cyberspace und Virtualität

Die Äußerungen Luhmanns über virtuelle Welten/den Cyberspace halten sich stark in Grenzen (Dirk Baecker äußert irgendwo, Luhmann habe dem Computer nicht wirklich über den Weg getraut). Ich bin gerade in einem kurzen Artikel über fiktionale Realität (Luhmann: “Literatur als fiktionale Realität”. In: Werber (Hg.): Schriften zu Kunst und Literatur. Frankfurt am Main: Suhrkamp; 2008.) auf ein paar Fußnoten und eingestreute Anmerkungen gestoßen, die sich mit dem Thema befassen. Sie schließen durchaus an die Virtualitäts-Definition von Peirce an, die ich hier schon vorgestellt habe und die Idee digitaler Virtualität als “digitalem Schein” verwarf.

Im Kontrast zu fiktionalen Realitäten kommt es bei virtuellen Realitäten offenbar auch für Luhmann darauf an, eine besondere Kraft/virtus aufzuweisen. Hier verlässt er die Gleichsetzung von virtuell und möglich, bzw. potentiell (im Kontrast zu aktuell), die man gelegentlich auch bei ihm finden kann. In dieser Gleichsetzung würde jedoch oft übersehen

(…), daß man zwischen den Modalformen des Möglichen oder des Kontingenten einerseits und Virtualität andererseits unterscheiden muß. Virtualität ist eine besondere Form von Möglichkeit, die durch einen Zusatzfaktor der Kraft oder des Könnens bestimmt ist (…). (a.a.O., S. 280)

Wenn ich die folgende Fußnote richtig verstehe, sorgt ebenjene virtus dafür, dass ein virtueller Raum erst in einer zweiten Beobachtung als kybernetischer Raum erkannt werden kann. Durch diese virtuelle Wirksamkeit als Charakteristikum wird die virtuelle Realität zur realen Virtualität (Esposito).

Man weiß zwar, beobachtet aber nicht, daß das Erleben durch eine unsichtbare Maschine gesteuert wird. (a.a.O., S. 277)

Zum Solipsismusvorwurf

Nachdem der letzte Beitrag mit Maturana davon ausgegangen war, dass naturwissenschaftliche (im Grunde jegliche) Erkenntnis keine ontischen Realitäten aufdeckt, sondern vielmehr eine Welt erst hervorbringt, müssen zwei Aspekte näher betrachtet werden, bevor im Thema fortgefahren werden kann. Zum einen muss geklärt werden, was Maturana explizit mit der naturwissenschaftlichen Methode meint. Zum anderen stehen de-ontologisierte Erkenntnistheorien bisweilen unter Solipsismusverdacht (Solipsismus als die philosophische Tradition, die nur die Existenz der eigenen Innerlichkeit annimmt). Dieser Eintrag soll zu letzterem Stellung nehmen. Bei Anzenbacher findet sich folgende Formulierung, die sich auf Philosophie allgemein bezieht:

Erfahrung ist ein „Schon-sein-bei-der-Welt“. Hat Philosophie Erfahrung zum Ausgangspunkt, so ist eben dieses „Schon-sein-bei-der-Welt“ ihre Voraussetzung. Es wird zwar kritisch auf seine Bedingungen hin hinterfragt, kann jedoch nicht als Voraussetzung in Frage gestellt werden. (Anzenbacher, Arno: Einführung in die Philosophie. Freiburg: Herder. S.115)

Anzenbacher macht die Außenwelt/Realität/Welt also zum Ausgangspunkt jeglicher Erfahrung. Sie ist Voraussetzung für Erkenntnis und kann als solche nicht in Frage gestellt werden. Auch wenn dies eine prinzipiell sympathische Darstellung und das “Schon-sein-bei-der-Welt” auch eine schöne Formulierung ist, bleibt dies jedoch eine stark ontologische und in diesem Kontext unbefriedigende Lösung. Es ist und bleibt in dieser Form eine der prinzipiell unentscheidbaren Fragen Heinz von Foersters, die entschieden werden können (und müssen), gerade weil sie unentscheidbar sind. Auch bei Humberto Maturana und Francisco Varela wird das Leugnen der Realität prinzipiell und gleichsam rundheraus abgelehnt.

Auf der anderen Seite haben wir die andere Falle: ein umliegendes Milieu zu negieren in der Annahme, daß das Nervensystem in einem völligen Vakuum funktioniert, wo alles gültig und möglich ist. Das ist das Extrem der absoluten kognitiven Einsamkeit, des Solipsismus (der klassischen philosophischen Tradition, die behauptete, daß nur die eigene Innerlichkeit existiert). (Maturana, Humberto; Varela, Francisco: Der Baum der Erkenntnis. München: Goldmann. S.146)

Maturana möchte im Sinne von naturwissenschaftlichen Erklärungen Erfahrung mit Erfahrung erklären, Kognition mit Kognition (wie der letzte blog post bereits beschrieben hat, kommt die Naturwissenschaft gänzlich ohne Ontologie aus – im Gegensatz zur Philosophie, aber dazu sollte ein eigener Eintrag Stellung nehmen). Dies allein zeigt schon, dass eine fundierende, hinter den Dingen stehende Realität jegliche Aussagekraft und argumentative Relevanz verliert. Eine “aufgesetzte” Feststellung wie die oben zitierte ist für eine systemtheoretische Darstellung (denn auch Maturanas Konzepte sind am Begriff des Systems ausgerichtet) eine im Grunde überflüssige, wenngleich verständliche Reflexhandlung auf den Solipsismusvorwurf.

In der Systemtheorie nach Niklas Luhmann finden wir ganz ähnliche Ansichten: Hier kommt eine “wirkliche Welt” in der Unterscheidung System/Umwelt zunächst vor – und verschwindet daraufhin sofort wieder. Die unerkannt bleibende Realität bildet die Voraussetzung für das Zustandekommen des Systems, das fortan aber immer (hier nimmt Luhmann Bezug auf George Spencer Brown) auf der Innenseite, der Systemseite operiert und niemals nach außen gelangen kann. Christian Schuldt hält in seinen Zusammenfassungen zu Luhmanns Systemtheorie fest:

Systeme sind immer nur Systeme in Differenz zu einer Umwelt: ohne Umwelt kein System. (Schuldt, Christian: Systemtheorie. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt. S.9)

Luhmann selbst dazu:

Es gibt eine Außenwelt, was sich schon daraus ergibt, daß das Erkennen als selbstgetätigte Operation überhaupt durchgeführt werden kann; aber wir haben keinen unmittelbaren Zugang zu ihr. Das Erkennen kann nicht ohne Erkennen zur Außenwelt kommen. Es ist, mit anderen Worten, Erkennen nur als selbstreferentieller Prozeß. Das Erkennen kann nur sich selber erkennen, obwohl es, gleichsam aus den Augenwinkeln, noch feststellen kann, daß eben dies nur möglich ist, wenn es mehr gibt als nur dies. Das Erkennen hat es mit einer unbekannt bleibenden Außenwelt zu tun, und es muß folglich lernen, zu sehen, daß es nicht sehen kann, was es nicht sehen kann. (Luhmann, Niklas: Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus und die unbekannt bleibende Realität. In: ders.: Soziologische Aufklärung. Konstruktivistische Perspektiven. Wiesbaden: VS. S.32)

Damit dürfte zum Solipsismusvorwurf das Wesentliche gesagt sein. Im nächsten Beitrag soll es um eine genauere Darstellung von Maturanas Vorstellungen zu naturwissenschaftlichen Theorien gehen.