Technik und Musikinstrumente

Der letzte Beitrag gab den Standpunkt vor, dass Musik heutzutage nicht mehr als nicht technisch gedacht werden kann. Als kleines Beispiel dafür habe ich die Anekdote der Berliner Oper Unter den Linden angeführt, in der sich der Cyberspace seinen Platz als akustischer Raumvergrößerer erkämpft hat.

Diesmal soll ein engerer Rahmen gezogen werden: Wie ist eigentlich das Verhältnis von Technik und Musikinstrument? Gibt es einen Punkt, an dem Instrumente technisch wurden, und ist dieser Zeitpunkt mit der Elektrifizierung von Musikinstrumenten, also beispielsweise der Verbreitung der Synthesizer Mitte des letzten Jahrhunderts, gleichzusetzen? Ich denke, traditionelle Instrumentenkunde impliziert bisweilen mit ihrer Einteilung der Instrumente etwa in Chordophone, Aerophone, Idiophone, Membranophone und schließlich Elektrophone (siehe Ziegenrücker, Wieland (1998): ABC Musik – Allgemeine Musiklehre, S.208 f.) genau dies, oder ebnet Missverständissen den Weg. Denn die elektronische Art der Klangerzeugung der letztgenannten Kategorie rechtfertigt meiner Meinung nach nicht die Öffnung der Kluft zwischen natürlichen und technischen Instrumenten.

Die Vermutung ist: Wenn Musik zumindest heutzutage nicht mehr als nicht-technisch gedacht werden kann, so konnten Musikinstrumente noch nie als nicht-technisch gedacht werden, zumindest nicht seit Beginn der Instrumentalisierung, der Befreiung des Musikinstruments aus dem Rahmen des Körpers des Musizierenden selbst. Doch auch die Stimme selbst ist ein Instrument, dass mit (Atem-)Technik gespielt wird. Und bei einem Trommelworkshop vor einigen Jahren zeigte man mir eine besondere “Klatsch-Technik”, bei der nur die Handflächen, nicht die Finger, zusammengeführt werden, doch das führt zu weit.

Betrachten wir den Beginn der Instrumentalisierung als Moment der Loslösung der Musizierpraxis vom menschlichen Körper, also mit Aufkommen simpler Trommeln oder Knochen- und Elfenbeinflöten. Die ältesten Musikinstrumentenfunde stammen aus der Geißenklösterle-Höhle am Südrand der Schwäbischen Alb und sind laut SZ-Wissen, Ausgabe Januar 2006, rund 35000 Jahre alt. Der Stand der handwerklichen Fertigkeiten, der Stand der Technik, erlaubte Musikinstrumente mit stark begrenztem Tonumfang, die aus heutiger Perspektive primitiv anmuten.

Ein großer zeitlicher Sprung: Die mittleren und späten Werke Joseph Haydns sind mitunter stark beeinflusst durch die klanglichen Möglichkeiten, die das gerade aufkommende Hammerklavier bot. Es sind Werke, denen man die Begeisterung für diese neue Technik, die Hammermechanik, anmerkt.

Die Simulationsfähigkeit der Allzweckmaschine Computer bietet, um den nächsten großen Sprung zu vollziehen, den derzeitigen Stand der Technik: Simulationen von Musikinstrumenten, oder besser gesagt: Klangkörpern, sind die logische Folge.

Technik und Instrumentenbau haben sich, als Zusammenfassung dieses sehr kurzen Abrisses des Instrumentenbaus, immer schon gegenseitig bedingt. Ich denke, dass es eine gewisse romantische Kodierung der Gesellschaft gibt, auf die auch Michael Harenberg hinweist. Diese Kodierung zieht die Grenze zwischen natürlichen und technischen Instrumenten, neuerdings vielleicht zwischen natürlichen und virtuellen Instrumenten. Für Michael Harenberg muss gelten,

daß die Unterscheidung zwischen „natürlichen“ und technischen Instrumenten eine weitgehend künstliche ist. „Natürlichkeit“ als ideologischer Ausdruck bürgerlicher Sehnsuchtsphantasien des 19. Jahrhunderts muß als Entscheidungskriterium obsolet bleiben. Gegenstand der Instrumentenbauer aller Epochen sind technische (Musik)Maschinen, auf der Höhe der jeweiligen Produktivkraftentwicklung. (http://audio.uni-lueneburg.de/texte/harenberg_virtuell.pdf, S.9)

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Computer und Musikkunst

Nachdem im letzten (und ersten) Beitrag die beiden Hauptthemen des Blogs genannt wurden (Virtualisierung/ Musikalische Interfaces) soll es diesmal um das Verhältnis von Instrument und Technik, vielleicht noch weiter ausholend, um Musik und Technik gehen. Die Standpunkte, von denen ich hier ausgehe, finden sich in Texten von Michael Harenberg, sie sind zum Download verfügbar auf dem exzellenten Audioserver der Universität Lüneburg.

Der Computer, als von Turing entworfene Universalmaschine, ersetzt und/ oder simuliert zunehmend Verfahren, technische Prozesse und Apparate von der Komposition, der Klangerzeugung, der Klangbe- und -verarbeitung bis zur Klangspeicherung und ihrer digitalen Distribution. (http://audio.uni-lueneburg.de/texte/harenberg_rationalisierung.pdf; S.1)

Virtuelle Umgebungen haben in einer Zeit, in der große analoge Mischpulte in den Tonstudios oftmals nur noch zu Repräsentationszwecken stehen, einen immer größeren Anteil an der Produktion von Musik(erlebnissen). Wir benutzen sie in Form von virtuellen Instrumenten, Aufnahme-Software, sie sind Speicher und Abspielgeräte für unsere digitale Musiksammlung.

Im Unterschied zu technischen Verfahren und Ideologien früherer Entwicklungen fällt auf, daß sowohl Einsatz als auch Gebrauch von Computern (hier im weitesten Sinn, also auch digitale Studioperipherie etc.) zwar quantitativ dominierend geworden, qualitativ aber unspezifischer handhabbar sind. (http://audio.uni-lueneburg.de/texte/harenberg_rationalisierung.pdf; S.1)

Ob man ein virtuelles Instrument mit Hilfe eines Midi-Keyboards spielt, oder es mit einem Sequenzer, also einer virtuellen Vielkanal-Bandmaschine aufnimmt, ist in der Praxis je nur ein paar Mausklicks entfernt, der Computer ist dabei aber in einer gänzlich anderen Rolle. Im einen Fall ist er lediglich ein Klangerzeuger, im zweiten ein Midi- oder Audiorecorder (auch jeweils wieder zwei sehr verschiedene Dinge). Michael Harenberg schreibt dazu, dass

Musik letztlich nicht mehr als „nicht-technisch“ gedacht werden kann, bzw. ihre Produktion und Reproduktion immer schon „Technik“ – in welcher Form auch immer – impliziert. (http://audio.uni-lueneburg.de/texte/harenberg_virtuell.pdf, S.1)

Dazu ein Beispiel. Im letzen Jahr war ich auf der “Nacht der offenen Tür” der Staatsoper Unter den Linden in Berlin und habe eine Führung des tontechnischen Leiters besucht (dessen Namen ich leider vergessen habe), der uns Folgendes erzählte: Die Staatsoper verfügt über eine technische Einrichtung zu Klangverbesserung. Der Saal hat aufgrund seiner eher unvorteilhaften Bauweise, vor allem der – natürlich unter Denkmalschutz stehenden – Wandverkleidung, einen sehr geringen Nachhall, der Klang kippt zu schnell weg. Um dies auszugleichen, hat man ein System zur Verlängerung der Nachhallzeit installiert. Zwei Mikrofone hoch über dem Orchester fangen den Raumklang auf. Die zwei Kanäle durchlaufen dann Halleffekte (von Lexicon natürlich) und werden auf mehrere Spuren mit jeweils unterschiedlicher Nachhallzeit verteilt. Diese Kanäle werden nachfolgend über dutzende Boxen, die sich sichtbar und unsichtbar überall im Saal befinden, abgespielt, wobei die Kanäle mit den leicht unterschiedlichen Hallzeiten ständig die Boxen wechseln, damit dieser Fremdklang möglichst diffus bleibt. Dies ist eine der technischen Installationen, gegen die der im Bezug auf seine Arbeit eher technikfeindliche Generalmusikdirektor Daniel Barenboim keine Einwände hatte. Die akustische Illusion ist perfekt, man sieht auch kaum etwas davon, keine Kabel, keine Technik, keine blinkenden Lämpchen. Das Opernerlebnis in der Berliner Staatsoper ist also ein technisch geschöntes, durch den synthetischen Hall im Grunde auch ein digitales Klangereignis. Wer also meint, ein Besuch in der Staatsoper sei ein Abend vollkommen im real life, der irrt.