Performativität und Medialität Populärer Kulturen

Endlich draußen: Marcus S. Kleiner, Thomas Wilke (Hrsg.): Performativität und Medialität Populärer Kulturen – Theorien, Ästhetiken, Praktiken. Mit Artikeln von Malte Pelleter (»Chop that record up!« Zum Sampling als performative Medienpraxis) und Rolf Großmann (303, MPC, A/D. Popmusik und die Ästhetik digitaler Gestaltung).

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Lehrauftrag an der Leuphana Universität Lüneburg im WS12/13

Im kommenden Semester gebe ich ein Seminar an der Leuphana Universität Lüneburg.

Musikalische Kulturen des Virtuellen – Virtual Auditory Cultures

Donnerstags (14-tägig), 12:15 – 16:00

Elektronische Klangerzeugungsverfahren haben im Bereich der Musikinstrumente Veränderungen herbeigeführt, die traditionelle Systematiken – etwa mit ihrer Orientierung an schwingenden, klingenden Bestandteilen – als nicht mehr zeitgemäß erscheinen lassen. Wenn also physikalische Umstände der Klangerzeugung nicht mehr als Ausgangspunkt einer Systematik ins Feld geführt werden können, (wie) kann dann überhaupt ein systematischer Überblick – eine Instrumentenkunde der Computergesellschaft – gelingen?
Die virtuellen Formen des Digitalen Mediums, virtuelle Studiotechnik und Instrumente, sind Gegenstand aktueller Musikproduktionsverfahren, so viel erscheint klar. Wie jedoch ist die lebhafte und ebenfalls nahezu unüberschaubare Kultur musikalischer Interfaces, die im Bereich der Klangsteuerung ebenfalls neue Wege geht, hier einzuordnen? Offenbar sind Klangerzeugung und Klangsteuerung zwar entkoppelt, beide bleiben im Forschungsfeld jedoch virulent.
Im Seminar sollen verschiedene neuartige Instrumenten-Designs und vor allem die ästhetischen Strategien, die hinter diesen Designs stehen und sich irgendwo im Spannungsfeld von Klangerzeugung und Klangsteuerung bewegen, vorgestellt und untersucht werden.

Waves OneKnob Series, oder: RIP RTFM!

Seit gestern ist auf der Homepage des Schwerpunktbereichs ((audio)) – Ästhetische Strategien der Leuphana Universität Lüneburg ein kleiner Beitrag von mir online, ein “Produkt des Monats”. Es lohnt sich absolut, die PdMs der letzten Jahre mal durchzugehen, hier zum Beispiel das PdM von Malte Pelleter zum Sammelband “Klang (ohne) Körper”. Mein Text zum PlugIn Bundle “OneKnob Series” von Waves, total control und Zusammenarbeit mit Maschinen (zuerst hier erschienen):

Waves OneKnob Series, oder: RIP RTFM!

Bevor die digitalen Medien im Realen verschwinden (Bernhard Siegert), müssen schnell noch ein paar Details festgehalten werden. Die momentane digitale Prä-Renaissance (Michael Harenberg) ist dabei möglicherweise wider erwarten ein ganz guter Standpunkt, die Perspektive durch McLuhans Rückspiegel mit ihrem Simulations-Paradigma auf der einen sowie technikkulturelle Transformationsprozesse der #nextsociety auf der anderen Seite zu überblicken.

Im Januar 2012 hat der Softwarehersteller Waves ein paar seiner Software-Bundles zu ziemlich niedrigen Preisen angeboten. Ich konnte nicht widerstehen und habe zunächst das “Gold-Bundle” gekauft, eine Sammlung teils legendärer, auratischer Software-Effekte: EQs, Kompressoren, Limiter, Reverbs und Vintage-Plugins, um dem digitalen Medium mit digitalen Effekten den digitalen Teufel auszutreiben. Diese Sammlung verspricht, so ziemlich alles, was im Tonstudio an alltäglichen Aufgaben anfällt, meistern zu können.

Weit weniger bekannt im Waves-Sortiment ist das OneKnob Bundle, auf das ich im Verlauf der Promo-Aktion auch gestoßen bin und das ich – sofort begeistert – ebenfalls erstanden habe. Es handelt sich um eine Serie von 7 Plugins mit jeweils nur einem einzigen Regler, wie abgebildet zum Beispiel der High-Shelving-EQ “Brighter”, dessen feste Eckfrequenz ab den hohen Mitten greift und der nur eine Anhebung dieses Frequenzbereichs erlaubt. Alle gängigen Werkzeuge des Tonstudiobetriebs haben einen dedizierten Effekt im OneKnob Bundle – ein Filter mit einem Regler für die Eckfrequenz (und einem Button zum umschalten der Resonance), einen Verzerrer mit einem Regler für Verzerrung, einen Hall mit einem Regler für die Hallzeiten, etc. Es gibt also eine ganze Reihe von Parametern, wie man sie bei Effekten beispielsweise des Gold-Bundles finden würde, auf die man hier keinen Zugriff hat.

Die OneKnob Series ist aber nicht nur für Sound Engineers, die “tweak fatigue” sind, wie Waves es andeutet. Hier wird zu tief gestapelt. Arbeiten mit dem OneKnob Bundle ist vielmehr Kollaboration mit der Maschine, das bewusste Aufgeben von Kontrollphantasien, denen man in der Musiktechnologie noch in vielfacher Weise begegnen kann, etwa auf dem Markt der Hardware-Controller für Digital Audio Workstations, wo total control regelmäßig beschworen und nie erreicht wird. Total control ist jedoch kein Ziel, total control ist kein Weg, total control ist eine Verkaufsstrategie, total control ist eine – nach Tom Jenkinson (aka Squarepusher, siehe Tom Jenkinson – Collaborating with machines, auch PdM Feb. 2012) sehr westliche – Art des Umgangs mit Maschinen, die den Menschen als Souverän setzt und seine Werkzeuge indifferent und austauschbar machen will.

Diese Phantasmen aufzugeben, wäre ein erster Schritt auf dem Weg zu einer digitalen Klangästhetik und der Abschied von der Wiederholung alter Paradigmen, zu denen wir – aus dem virtuellen Studio heraus – ohnehin nur ein touristisches Verhältnis haben können. Etwas fällt außerdem auf: In der Oneknob Series gibt es eigentlich keinen Hall, sondern einen “Wetter”, nicht einen Kompressor, sondern “Pressure”, nicht einen high-shelving-eq, sondern einen “Brighter” (mit der ursprünglichen Idee eines “Equalizers”, mit Entzerrung, hat das nichts mehr zu tun). Dies ist Arbeit am Klang, nicht an den Frequenzen, nicht am Pegel, nicht an Nullen und Einsen: phänomenologische Klangbearbeitung.