Der letzte Eintrag ist schon eine Weile her. Nicht, dass es nicht genug Themen gegeben hätte, aber ich musste meine Dissertation etwas voranbringen und hatte meist einfach nicht die Energie und Zeit, dann noch etwas zum Blog hinzuzufügen.
In einem Eintrag, den ich vor ziemlich genau einem Jahr gepostet habe, ging es um die Frage, ob man überhaupt (noch) sinnvoll zwischen DJs und “Laptopisten” (im Sinne von “Musikern”) unterscheiden kann. Ich habe mich nie als DJ gesehen, werde aber im Rahmen von Auftritten immer mal wieder gefragt, “wann ich denn auflege”. Die Tatsache, dass beide Gruppen die gleichen Werkzeuge (Instrumente) benutzen, ist ja relativ schnell eingestanden. Seinerzeit hatte ich versucht, das Thema musikimmanent anzugehen und war letztlich zu keinem wirklich befriedigenden Ergebnis gekommen. Mit der Idee der “Medienmusik” von Rolf Großmann zeichnete sich aber schon ab, dass die diskutierten Unterscheidungen schwer zu halten sein würden (der Artikel von Großmann (1997) ist hier online verfügbar). In einem kürzlich erschienen Artikel im großartigen Sammelband “Klang (ohne) Körper” geht Großmann noch einmal auf das gleiche Thema ein (Großmann, R. 2010: “Distanzierte Verhältnisse? Zur Musikinstrumentalisierung der Reproduktionsmedien”. In: Harenberg, M. & Weissberg, D. (Hg.), Klang (ohne) Körper. Spuren und Potenziale des Körpers in der elektronischen Musik. Bielefeld: Transcript). Dass der Platz hinter den Turntables mit einer Aufführungssituation verbunden ist und ein DJ keine lebende Jukebox ist, sind nur die ersten Feststellungen in einem Erkenntnissprozess, der am Ende eine weitgehende Nivellierung offenbar nachträglich eingeführter und künstlich aufrecht erhaltener Unterscheidungen bedeutet.
Auf einer Party ›die Musik zu machen‹, meinte schon in den 1980ern keineswegs den Griff zum Instrument oder die Mitwirkung in einer Band, man war stattdessen mit ›Auflegen‹ an der Reihe. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass auch die Reproduktionsmedien eine Aufführungspraxis begründen, also etwas, das dem instrumentalen Spiel vorbehalten schien. (Großmann 2010: 183)
Weil sich in der Vergangenheit die Interfaces deutlich unterschieden, gab es keine große Notwendigkeit, Entscheidungen auf anderen, z.B. musikalischen Ebenen suchen zu müssen. Spätestens mit der Einführung des Computers in die Musikkultur war diese Methode der Unterscheidung allerdings obsolet. Die Geräte, die fortan auf den Bühnen standen, glichen sich – leuchtende Apfellogos hüben wie drüben, etwa. Musikbezogene Unterscheidungen zwischen dem “Abspielen” und “Spielen” von Tönen mussten für eine weitgehend künstliche Aufrechterhaltung herangezogen werden. Allerdings trifft die Idee, dass der Interpret im Medienkonzert immer eine gewissermaßen schon “halbfertige” Musik formt, sowohl den DJ, als auch den “Laptopisten”, der mit seinen Sequenzer-Programmen ja meist auch mit musikalischen Makros (Audio-, MIDILoops, Samples, Arpeggiatoren) spielt. Ist der Laptop am Ende also überhaupt kein Instrument, beziehungsweise, ist der Laptopist am Ende bloß ein DJ?
Großmann geht, wie im Zitat erkennbar, davon aus, dass der Umgang mit Repoduktionsmedien in großen Teilen von Anfang an (er zitiert auch ältere Texte, die elektrische Medien als eine Art Universalinstrument ansehen) mit Aufführungssituationen und insofern auch mit instrumentalem Spiel verbunden war. Er fordert in diesem Zusammenhang, die ontologische Perspektive, etwas sei per se (k)ein Musikinstrument, aufzugeben. Die oben diskutierten Unterscheidungen werden damit entschärft bis hinfällig:
Musikinstrumente im kulturellen Sinne sind allerdings mehr als nur Musikerzeuger. Entscheidend für ihre Entwicklung ist die Einbindung in die kulturelle Praxis des instrumentalen Spiels von Musik. eine solche kulturelle Verankerung ist an einer konventionalisierten kommunikativen Rahmung des Spiels eines Instruments zu erkennen, die gleichzeitig die Voraussetzung für eine kollektive Entwicklung von Spieltechniken und musikalischen Gestaltungsoptionen bildet. (Großmann 2010: 194)
Diese kulturwissenschaftliche Herangehensweise ist natürlich nicht beliebig, nicht frei von Bedingungen. Sie könnte allerdings tatsächlich dazu beitragen, überkommene und letztlich haltlose Unterscheidungen abzulösen. Großmann nennt eine Reihe von Kriterien, die zu einer Strategie gehören, die von den Lüneburger Musikwissenschaftlern hoffentlich noch ausgebaut wird.
Verbreitete Praxis, instrumentenspezifische Schulenbildung, Notation und Virtuosität sind Merkmale des kulturellen Settings eines Musikinstruments. (Gr0ßmann 2010: 194)
Add-on:
Wer die Benjamin’sche Aura eines Konzerts durch die Integration der Medieninstrumente in die Aufführungskultur gefährdet sieht, für den habe ich folgendes Zitat als Abschluss herausgesucht:
Zu den auratischen Gegenständen dieser neuen Aufführungskultur gehören – wie in der traditionellen Praxis auch – entsprechend die neuen Instrumente der Performance: statt Violine, Klarinette oder E-Gitarre erscheinen Plattenspieler, Synthesizer und Sampler als Medieninstrumente. (Großmann 2010: 192)


