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Konzert(selbst)kritik

Vor knapp zwei Wochen war ich auf einem Konzert des Jazzpianisten Joachim Raffel, der zusammen mit Björn Schoepke (Notebook) und Matthias Lahrmann (Tenorsax) ein Improvisationskonzert der Reihe “Artificial Joy” im Cafe Mojo bei mir gleich um die Ecke gegeben hat. Joachim Raffel, der in dieser Konzertreihe nicht Klavier, sondern Percussion spielt und gelegentlich singt, begann das Konzert mit leisen, zart raschelnden, geräuschhaften Klängen. Ich saß weiter hinten im Raum – was im Mojo allerdings immer noch bedeutet, dem Geschehen sehr nah zu sein. Plötzlich klickte und ratterte irgendetwas links von mir, ebenso laut, vielleicht lauter noch, als Joachims Percussion-Intro. Als dieses Störgeräusch andauterte und mich extrem ablenkte, riskierte ich einen möglicherweise bereits genervten Seitenblick. Irgendjemandem dort war das Konzert offenbar völlig egal, ich sah einen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, der an einem Tisch mit dem Rücken zu mir über irgendetwas gebeugt war, das Krach machte. Krach, der mittlerweile die Aufmerksamkeit des ganzen Raumes auf sich zog. Ich verstand das nicht und wurde sauer. Sicherlich, Improvisationskonzerte sind nicht jedermanns Sache, man muss sich darauf einlassen, aber wie so oft kostete das Konzert im Mojo keinen Eintritt, jedermann war frei zu kommen und zu gehen. Nachdem ich noch einmal hinübergeschaut hatte, kam mir der Rotschopf sogar irgendwie bekannt vor. Hey – das war doch der autistische Junge, den ich seit Jahren immer mal wieder auf Konzerten in Osnabrück gesehen habe! Unverdrossen hantierte er mit irgendetwas, das wie Kinderspielzeug aussah. Und von da an änderte sich meine Realität, denn plötzlich schien es zwei Percussionsstimmen im Raum zu geben, die irgendwie harmonierten, aufeinander eingingen und zueinander passten.

Auf dem Weg zurück, nach dem Konzert, fiel mir dann ein, woher eine solche Situation mir extrem bekannt vorkam. Paul Watzlawick hatte in einem Vortrag Anfang der 1990er Jahre, der in der Radiosendung “Perspektiven” (den Mitschnitt des Vortrags habe ich übrigens vom Betreiber des Blogs strange loops) ausgestrahlt wurde, eine ganz ähnliche Beobachtung beschrieben. Er saß damals in Irland an der Küste auf einer Bank und schaute auf das Meer hinaus, ganz in der Harmonie des Augenblicks aufgehend, als plötzlich hinter ihm Lärm ansetzte. Irgendjemand spielte seiner Meinung nach mit einer Bierdose Fußball und verbreitete “akustischen Gestank”, bloßen Lärm. Als er sich umdrehte, um den Störenfried “mit Blicken zu töten”, stellte er fest, dass es sich um einen Hund handelte, der mit Freude mit dieser Bierdose spielte. Watzlawick drehte sich wieder um, und das Geräusch fügte sich plötzlich in die Situation ein, wurde Teil der Harmonie dieser Situation. Dieses Changieren der Bedeutung eines Aspekts der Wahrnehmung hatte ich auch erlebt, ich hatte ein weiteres Mal festgestellt, dass der Unterschied zwischen Musik und Geräusch nicht da draußen besteht, sondern allein in meinem Kopf festgeschrieben wird.