Virtuelle vs. “echte” Fader

Irgendwann gibt es einen Nachfolger zum BCF2000 (USB Mischpult-Controller für diverse Musiksoftware), aber damit der Werbetext als eindrucksvolles Beispiel der Derealisierungsangst nicht verloren geht, möchte ich ihn hier zitieren. Dabei soll nicht der Eindruck entstehen, ich würde mich hier über das Gerät lustig machen – ich benutze es seit geraumer Zeit immer mal wieder gern. Mit seinen Motorfadern ist es als Schnittstelle zwischen virtueller und “physikalischer” Welt ein Ein- und Ausgabegerät zugleich – in Prä-Touchscreen Zeiten bei musikalischen Interfaces nicht unbedingt die Regel.

Die umwerfende B-CONTROL-Serie vereint die schier grenzenlose Vielseitigkeit von Audio Software mit dem Gefühl, das nur echte Regler und Fader vermitteln können. Sie bekommen endlich die Möglichkeit, mit Hilfe von echten Fadern und Reglern Programme wie z. B. Cubase®, Cakewalk® und Logic Audio® zu steuern. Von nun an kann am Computer intuitiv Musik gemacht und produziert werden – und nicht mehr abstrakt. http://www.thomann.de/de/behringer_bcf_2000.htm, Zugriff am 13.3.2010

Hier wird zweimal implizit der Dualismus virtuell (Software)/echt angesprochen, als gäbe es eine (medienexterne) Realität, auf die mit Fingern gezeigt werden könnte. Natürlich soll mit einem solchen Text ein Produkt verkauft werden, und das machen die Texter mit ihren Schein/Sein, oder Bild/Wirklichkeit Dualismen schon ganz gut so. Ontologie in der Werbung – das wäre doch mal ein Thema für eine Diss. Anybody?

P.S. Leider habe ich seinerzeit keine Bilder von Tobias Rebers Installation: “Faderboxing – Solo für erweiterte Faderbox” gemacht, die er im Rahmen des Symposiums “Klang ohne Körper” an der HdK Bern gezeigt hat. Hier diente das BCF2000 als “Outerface”, das mit seinen motorisierten Fadern Musik machte. Vielleicht kann ich das irgendwie nachreichen.

Derealisierungsangst als syllogistischer Fehlschluss

Ich wollte schon seit längerer Zeit auf einen Blogeintrag von Sebastian hinweisen, der aus einer kurzen Twitter-Konversation mit mir entstanden ist. Es ging um Probleme, die auftreten, wenn man eine neue Unterscheidung, hier: real/virtuell, mit althergebrachten Unterscheidungen, etwa real/fiktiv vergleicht und dann in einem syllogistischen Fehlschluss Fiktion mit Virtualität in Verbindung bringt und/oder gleichsetzt. Sebastian hat meinen Derealisierungs-Kompaktbegriff in eine etwas ausführlichere und anschaulichere Form gebracht und für einen philosophisch stringenteren Hintergrund gesorgt.

Hier findet sich der Eintrag.

Die Bezeichnung “Virtuelle Realität” ist eine neue Bezeichnung, und als solche erzeugt sie eine grundsätzlich neue zweite Seite der Unterscheidung. Die Realität, die wir in Kontrast zur Virtuellen Realität als Real Life bezeichnen, ist ein neues Phänomen. Wir müssen sie neu erklären und Begriffe für etwas finden, das zuvor unerklärt geblieben ist.