Neue Medien und der Rückspiegel

Dies ist der vorerst letzte Eintrag, der sich ausschließlich mit Begriffen McLuhans befasst, diesen einen Eintrag des Glossars von Christopher Horrocks möchte ich hier aber noch zitieren (dann habe ich ohnehin 3 von 5 Begriffen insgesamt gepostet).

The rear view mirror

When society and the individual are confronted with a new situation, they will attach themselves to objects of the recent past. We therefore perceive the present through a rear-view mirror. New media, including the car and the computer, are initially looked at in terms of previous technologies, such as the horse-drawn carriage and the typewriter. (Horrocks, Christopher: Marshall McLuhan and Virtuality. Cambridge: Icon/Totem Books; S.77)

Eine neue Entwicklung, ein neues Medium, wird zunächst immer vor dem Hintergrund der vorherrschenden Technologie betrachtet. Bevor ein solches neues Medium also auch tatsächlich auf eine neue Weise benutzt wird, ist seine Praxis zunächst einmal bestimmt durch seine Vorgänger. Wenn ich dieses Wissen auf meine tägliche Praxis im Umgang mit Musiksoftware beziehe, drängt sich die Betrachtung der großen Sequenzer, Logic, Cubase, ProTools, etc. auf. Sie haben alle eine lineare Zeitachse, einen Anfang und ein Ende. Als diese Sequenzer lernten, in einem größeren Umfang mit Audio-Material, nicht nur mit MIDI-Daten umzugehen, sah man die sich bietenden Möglichkeiten in McLuhans Rückspiegel. Und baute virtuelle Tonbandgeräte. Die Software, die sich in den letzten Jahren dadurch ausgezeichnet hat, dass diese streng lineare Struktur aufgebrochen wurde, ist Abletons Live mit seiner “Session”-Ansicht. Ein paar [Selbst]Beobachtungen zum Umgang mit dieser Software werden auf dieser Seite sicherlich noch folgen.

Hier gibt es ein Interview mit Gerhard Behles (Ableton) und Mate Galic (Native Instruments) aus De:Bug 9/2007.

Bereits in einem der ersten Einträge habe ich mit Michael Harenbergs Worten deutlich gemacht, dass der Computer in unserem Alltag zwar quantitativ dominierend geworden ist, qualitativ aber immer weniger durchdrungen wird, in welcher Rolle er sich gerade befindet. Der Computer arbeitet mit einem Zeichensystem, dass in der Lage ist, alle anderen Zeichensysteme zu integrieren. Nichts anderes bedeutet der Begriff Multimedia. McLuhan ist für die Durchdringung der Quantität der Anwendungen, die der Computer momentan bietet, von großem Wert.

 

McLuhan and Virtuality

Ich habe gerade begonnen, ein kleines Bändchen über Marshall McLuhan zu lesen (das man im Netz gebraucht ab 2,50 Euro bekommt!): Horrocks, Christopher: Marshall McLuhan and Virtuality. Cambridge: Icon/Totem Books. Es gibt dort ein kleines, aber feines Glossar mit Begriffen rund um McLuhans Denken. Weil McLuhan noch recht neu für mich ist, poste ich hier einfach mal etwas daraus. Fangen wir vielleicht mit der bekanntesten Phrase an:

The medium is the message

The human’s use of any communications medium has an impact that is of more relevance than the content of any medium, or what that medium may convey. The process of being in a virtual environment, for example, has a greater effect on our existence than the program in which we are immersed. The act of watching television has had a greater impact than what is shown on the television. (Horrocks, Christopher: Marshall McLuhan and Virtuality. Cambridge: Icon/Totem Books; S.77)

Wenn wir uns in künstlichen (virtuellen) Realitäten bewegen, hat dies also einen Einfluss auf unsere Art des In-der-Welt-Seins, unsere Existenz, wie es im Zitat steht. Dass virtuelle Welten etwas mit uns machen, ist sicherlich klar, sicherlich ist auch das Medium selbst eine, vielleicht sogar die Botschaft. Weiterführende Interpretationen sind jedoch gefährlich. Eine Auslegung dieser These wäre nämlich, dass Ausflüge in die Virtualität mit einem Realitätsverlust einher gingen. Solche Derealisierungsängste angesichts der Neuen Medien werden von Benjamin Jörissen vor allem für die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, insbesondere auch in der medienwissenschaftlichen Literatur, tatsächlich konstatiert (Jörissen, Benjamin: Beobachtungen der Realität. Die Frage nach der Wirklichkeit im Zeitalter der Neuen Medien. Bielefeld: Transcript, S.10). Sehr empfehlenswertes Buch!

Ich weiß selbst noch nicht, was McLuhan dazu sagen würde, hoffe aber, es herauszufinden. Vielleicht mit Hilfe des nächsten Zitats, im nächsten Blog-Eintrag?

Anmerkung:

Eine genauere Definition der Rolle des Cyberspace im Kontext von virtuellen Instrumenten steht noch aus! Insbesondere glaube ich nicht an Derealisierung oder ein Verschwinden irgendeiner Wirklichkeit. Jedenfalls ist der Begriff Realität so unscharf, dass sich kaum damit arbeiten lässt: denn dem Diskurs um Virtuelle Realität ist eine bestimmte Form der Erkenntnistheorie immer schon inhärent.