Im Versuch einer “Verortung” des Instruments im Computerzeitalter lassen sich, jedenfalls bei den Autoren, die ich hauptsächlich gelesen habe, zwei Hauptstrategien ausmachen. Während sowohl Bernd Enders, als auch Michael Harenberg die Entwicklung der Kirchenorgel als Zeitpunkt der endgültigen Trennung von Klangerzeugung und Klangsteuerung (Interface) ausmachen, wird diese Trennung von ihnen in Folge unterschiedlich interpretiert. Für Enders liegt ein Instrument fortan als modularisiertes Funktionsgefüge aus Generator und Interface vor, während Harenberg eher den Klangerzeuger mit dem Instrument assoziiert und das Interface sogar vom Instrument trennt (ganz wörtlich hier: http://audio.uni-lueneburg.de/texte/harenberg_virtuell.pdf, S. 15, Zugriff: 26.11.2010).
Diese Identifizierung der Klangerzeugung mit dem Instrument scheint sich allein im Begriff der “virtuellen Instrumente” widerzuspiegeln. Er verspricht ja gerade ein (ganzes) virtuelles Instrument – und nicht ein halb-virtuelles + passendem Interface – die Kategorie “halbe Instrumente” macht sich auch schlecht in jedem Instrumenten-Katalog. In historischer Perspektive gibt es Hinweise darauf, dass es durchaus eine gewisse Tradition der Identifikation des Instruments mit dem Klangerzeuger gibt, z.B. wird dies bei Kai Köpp angedeutet, der im Rahmen des Berner Forschungsprojektes Klang (ohne) Körper “Historische Streichbögen als Interfaces” untersucht hat (Köpp, Kai (2010): “Historische Streichbögen als Interfaces” In: Michael Harenberg, Daniel Weissberg: Klang (ohne) Körper. Spuren und Potenziale des Körpers in der elektronischen Musik,. Bielefeld: Transcript). Köpp stellt fest, dass die Veränderungen im Bau des Resonanz- und Klangkörpers bei der Violine gut dokumentiert sind, nicht jedoch jene der Saiten und Bögen (die Entwicklung des Geigenbaus ist ja nicht schlicht ein “immer besser werden”, sondern war zu allen Zeiten von jeweiligen, epochalen Klangidealen bestimmt, der Streichbogen hat maßgeblichen Einfluss auf die Klanggestaltung). Original erhaltene Bögen sind heutzutage sehr rar – sie konnten konstruktionsbedingt nicht erneuert werden und wurden nicht aufbewahrt, also weggeworfen. Sie waren die letztlich modischen, austauschbaren und tendenziell schon wieder uninteressanten Interfaces (Gadgets?) der klassischen Instrumentenkunde.
Es schließen natürlich viele Fragen an, die Identifikation von Programm und Instrument ist für mich dabei vorrangig und kann durchaus vor dem Hintergrund der Streichbögen-Gadgets diskutiert werden. Ob nicht auch das Interface bisweilen als Instrument inszeniert wird, ist eine weitere Frage. Ohnehin ist ein systematisch ding-orientierter Ansatz allein nicht ausreichend bei einer Verortung rezenter Instrumente und muss um sozio-kulturelle Aspekte erweitert werden (etwa mit Rolf Großmann).