Jetzt erschienen: Festschrift Prof. Bernd Enders

Ich hatte die Ehre, die Festschrift für meinen Doktorvater Bernd Enders herausgeben zu dürfen. Jetzt ist der Band bei epOS erschienen.

epos

Bense, Arne / Gieseking, Martin / Müßgens, Bernhard:
Musik im Spektrum technologischer Entwicklungen und Neuer Medien
Festschrift für Bernd Enders
epOs-Music, Osnabrück 2015, 672 Seiten
ISBN 978-3-940255-60-0 (Buch)
ISBN 978-3-940255-61-7 (CD-ROM)

Hardcover, zahlreiche Abbildungen, viele in Farbe, Notenbeispiele, Tabellen, Publikationsliste und Vitae.

Die Festschrift für Prof. Dr. phil. habil. Bernd Enders, den bedeutenden Pionier und Wegbereiter musiktechnologischer Entwicklung und musikwissenschaftlicher Forschung, umfasst nahezu vierzig Texte von Kolleginnen und Kollegen, ehemaligen Studierenden, Doktoranden und Habilitanden des Jubilars.

Das Musikinterface als Gadget

Im Versuch einer “Verortung” des Instruments im Computerzeitalter lassen sich, jedenfalls bei den Autoren, die ich hauptsächlich gelesen habe, zwei Hauptstrategien ausmachen. Während sowohl Bernd Enders, als auch Michael Harenberg die Entwicklung der Kirchenorgel als Zeitpunkt der endgültigen Trennung von Klangerzeugung und Klangsteuerung (Interface) ausmachen, wird diese Trennung von ihnen in Folge unterschiedlich interpretiert. Für Enders liegt ein Instrument fortan als modularisiertes Funktionsgefüge aus Generator und Interface vor, während Harenberg eher den Klangerzeuger mit dem Instrument assoziiert und das Interface sogar vom Instrument trennt (ganz wörtlich hier: http://audio.uni-lueneburg.de/texte/harenberg_virtuell.pdf, S. 15, Zugriff: 26.11.2010).

Diese Identifizierung der Klangerzeugung mit dem Instrument scheint sich allein im Begriff der “virtuellen Instrumente” widerzuspiegeln. Er verspricht ja gerade ein (ganzes) virtuelles Instrument – und nicht ein halb-virtuelles + passendem Interface – die Kategorie “halbe Instrumente” macht sich auch schlecht in jedem Instrumenten-Katalog. In historischer Perspektive gibt es Hinweise darauf, dass es durchaus eine gewisse Tradition der Identifikation des Instruments mit dem Klangerzeuger gibt, z.B. wird dies bei Kai Köpp angedeutet, der im Rahmen des Berner Forschungsprojektes Klang (ohne) Körper “Historische Streichbögen als Interfaces” untersucht hat (Köpp, Kai (2010): “Historische Streichbögen als Interfaces” In: Michael Harenberg,  Daniel Weissberg: Klang (ohne) Körper. Spuren und Potenziale des Körpers in der elektronischen Musik,. Bielefeld: Transcript). Köpp stellt fest, dass die Veränderungen im Bau des Resonanz- und Klangkörpers bei der Violine gut dokumentiert sind, nicht jedoch jene der Saiten und Bögen (die Entwicklung des Geigenbaus ist ja nicht schlicht ein “immer besser werden”, sondern war zu allen Zeiten von jeweiligen, epochalen Klangidealen bestimmt, der Streichbogen hat maßgeblichen Einfluss auf die Klanggestaltung). Original erhaltene Bögen sind heutzutage sehr rar – sie konnten konstruktionsbedingt nicht erneuert werden und wurden nicht aufbewahrt, also weggeworfen. Sie waren die letztlich modischen, austauschbaren und tendenziell schon wieder uninteressanten Interfaces (Gadgets?) der klassischen Instrumentenkunde.

Es schließen natürlich viele Fragen an, die Identifikation von Programm und Instrument ist für mich dabei vorrangig und kann durchaus vor dem Hintergrund der Streichbögen-Gadgets diskutiert werden. Ob nicht auch das Interface bisweilen als Instrument inszeniert wird, ist eine weitere Frage. Ohnehin ist ein systematisch ding-orientierter Ansatz allein nicht ausreichend bei einer Verortung rezenter Instrumente und muss um sozio-kulturelle Aspekte erweitert werden (etwa mit Rolf Großmann).

Multitouch Interfaces: Basel

Nachdem in den letzten Jahren der Markt für Cyberspace-Klangerzeuger, die allgemein als virtuelle Instrument bezeichnet werden, ins unermessliche gewachsen ist, kommen in den letzten zwei, drei Jahren Interfaces für diese virtuellen Klangkörper wieder stärker in den Fokus der Betrachtungen. Denn das Interface als Schnittstelle zwischen Virtualität und Mensch komplettiert das Instrument erst (nicht umsonst bezeichnete ein Native Instruments Mitarbeiter das letzte NI-Produkt “Maschine” als vollständiges Instrument, es besteht ja aus Software-Klangerzeuger und Trigger-Pad Interface).

Auf der letzten Exkursion des Fachbereichs Musik der Universität Osnabrück hat Professor Enders im elektronischen Studio in Basel das hier gezeigte Video gemacht, es handelt sich um einen berührungsempfindlichen Bildschirm, ganz ähnlich dem ziemlich populären “Reactable”, der vor einiger Zeit für Aufsehen gesorgt und ziemlich an Popularität gewonnen hatte, vor allem nachdem Björk sich eines gekauft und auf ihreer Tour eingesetzt hatte. Mittlerweile gibt es einige dieser Multitouch-Tische, hier ein weiteres Beispiel. Das hier gezeigte Interface ist Produkt eines einzigen Programmierers, die Kosten halten sich dem Vernehmen nach in Grenzen. Wir versuchen gerade, Kontakt zum Konstrukteur aufzunehmen. Die Software, die zur Klangerzeugung benutzt wird, ist Max/Msp/Jitter.

Basel Tangible Interface from Sample Park on Vimeo.

Zwischenstand: Virtualisierung als Modularisierung

Im Kontext einer modernen Instrumentenkunde lässt sich feststellen, dass wir Instrumente immer weiter dekonstruiert haben. Wie dieses Blog mit Bernd Enders und Michael Harenberg unter anderem hier deutlich gemacht hat, zeigen Musikinstrumente seit der Kirchenorgel zunehmend offen ihre modulare Struktur, die bei den Hardware-Instrumenten im Modulsynthesizer ihren Höhepunkt erreichte. Instrumente mussten hier erst zusammengesetzt oder verschaltet, also aktualisiert werden, das Interface, die Klangsteuerung, war ohnehin austauschbar: Klaviatur, Bandmanual, Wärmesensoren.

Jetzt, da mit der Virtualisierung das Instrument scheinbar in den Cyberspace verlagert ist, ist es weiter zerfasert, weiter demontiert. Wir reden und schreiben von virtuellen Instrumenten und scheinen das Instrument nun offenbar in die Weiten der virtuellen Realität verschoben zu haben. Dabei vergessen wir, wie mir scheint, dass wir nach wie vor Real Life Interfaces brauchen, um mit dieser virtuellen Welt in Kontakt zu kommen. Wir schauen durch die Schnittstelle, das Display, hinein in eine fremde Welt von zumeist unsichtbaren Maschinen, die erst durch einen Klick ihre Aktualisierung erfahren und der Steuerung zugänglich werden. Wir arbeiten mit Systemen wie der Computermaus oder Joysticks, die in ihrer Funktionalität stark an Baukräne erinnern, um mit dieser Realität Kontakt aufzunehmen: Hier bewege ich mich, dort hinten hat es eine Effekt. Immer brauche ich für die Interaktion mit einem virtuellen Instrument ein Real Life Interface. VR und RL sind miteinander verschränkt: das entstehende, aktualisierte, gleichsam emergente Instrument als Summe von virtuellem Klangerzeuger und RL-Interface ragt nur halb in den Cyberspace hinein.

Modularisierung und Virtualisierung haben dazu geführt, dass sich das Instrument in seine Bestandteile zerlegt und als Einheit aufgelöst hat. Wir müssen es von Fall zu Fall – Sinn erzeugend – neu zusammensetzen. Es steht außerdem zu vermuten, dass die Virtualisierung im Prozess der Entwicklung von Musikinstrumenten die fortgeführte, gesteigerte Modularisierung in künstlich erzeugten Welten ist.

Status: quo vadis? Zwischenstand

Dieser Beirag soll andeuten, warum es mir wichtig erscheint, Überlegungen zu virtuellen Instrumenten auf dem Fundament einer anschlussfähigen und differenzierten Epistemologie aufzubauen. Dass eine Simulation wie die virtuelle Realität in unserem Alltag und Leben eine große Rolle einnimmt, brauchen wir, denke ich, nicht groß zu diskutieren. Der Cyberspace ist mittlerweile sogar dort angekommen, wo wir ihn zunächst nicht vermuten würden. Wenn wir diese Simulationen ernst nehmen wollen, brauchen wir eine Epistemologie, die auch zu dieser Art des In-der-Welt-seins passt, das heißt: sie erklären kann. Eine realistische, ontologische Erkenntnistheorie führt meiner Meinung nach dazu, diese Wirklichkeiten zu diskreditieren. Unsere alltägliche Lebenswirklichkeit, etwa im Umgang mit Software-Seqenzern, virtuellen Instrumenten, Textverarbeitungssoftware, ganz zu schweigen von sozialen Phänomenen des Web2.0, wird derealisiert.

Wenn wir der Meinung sind, Erkenntnis bedeutet, dass wir die Dinge der Außenwelt bloß über Sinneskanäle/Inputs in unseren Kopf hineinzutun brauchen und unser Gehirn wie eine Art Leinwand funktioniert, ist die Virtualität eine Art Derivat, eine Ableitung, ein Downgrade der (Ursprungs-)Realität. Ohne, wie hier wiederum festzustellen ist, Virtualität und reale Realität ununterscheidbar machen zu wollen, kann ich diese Ansicht nicht teilen. Wenn wir auf einer phänomenalen Ebene beobachten, dass Menschen durchaus reale Erfahrungen im Umgang mit virtueller Realität machen, brauchen wir Theorien, die andere Konzeptionen unserer Erkenntnis aufweisen. Dies leistet meines Erachtens die Systemtheorie in ihrer Ausprägung nach Maturana/Luhmann. Das Wissenschaftsverständnis Maturanas ist das eines Naturwissenschaftlers. Er will (siehe die drei letzten Einträge) fundamentale Erklärungsansätzte wie den vorherrschenden Repräsentationalismus durch Erklärungsprinzipien ersetzen, die seiner Meinung nach besser in der Lage sind, Phänomene des Lebens, also aller Organismen, besser zu erklären.

Bezogen auf die oben beschriebene Derealisierungsangst bedeutet dies: Wenn wir simulierte Phänomene ernst nehmen, müssen wir fundamentale Erklärungsansätze ablehnen, die im Sinne eines erkenntnistheoretischen Realismus virtuelle Realitäten als weniger wirklich abwerten. Im Gegenzug müssen Epistemologien eingesetzt werden, die Wirklichkeit anders entstehen lassen als durch bloße Abbildung. Ein nicht wissenschaftlicher Umgang mit dem Thema würde nach Maturna bedeuten, dass Phänomene negiert, oder, in meiner Interpretation, derealisiert werden, um fundamentale Erklärungsprinzipien zu erhalten.

Kirchenorgel und Cyber-Instrumente

Die Unterscheidung von natürlichen und technischen Instrumenten ist, wie hier mittlerweile dargestellt wurde, eine künstliche, eine normative Unterscheidung. Instrumente sind Musikmaschinen auf dem Stand der jeweiligen technischen Möglichkeiten der Gesellschaft. Die Zusammenhänge zwischen modernen Cyber-Klangerzeugern und traditionellen Instrumenten sind dabei aber noch weitaus verwobener, was hier am Beispiel der Modularisierung gezeigt werden soll.

Modularisierung

Ein charakteristisches Merkmal der Instrumentenentwicklung ist die Modularisierung. Der sprichwörtliche Modulsynthesizer etwa ist und war immer ein Baukasten, der beispielsweise aus Oszillator, Modulator, Verstärker und Filter (als nur eine mögliche Ausprägung) besteht und seine Klaviatur wohl hauptsächlich aus ökonomischen Gesichtspunkten verpasst bekam, sie kann ja prinzipiell auch ausgelassen werden, wie hier mittlerweile beschrieben wurde. Bernd Enders charakterisiert die Modularisierung, die Klangerzeugung und Klangsteuerung voneinander löst, folgendermaßen:

Durch die Elektrifizierung und Elektronifizierung der Instrumente entfällt endgültig der technische Zusammenhang zwischen Klangerzeugung und Klangsteuerung, zwischen Generator und Controller. Das Interface, das den musizierenden, also den klangsteuernden Menschen mit den klangerzeugenden (oder klangverändernden) Modulen eines Instruments, also zum Beispiel den Oszillatoren (oder Filtern) eines Synthesizers verbindet, kann völlig beliebig gestaltet werden. (Enders, Bernd: Mathematische Musik – musikalische Mathematik. S.27)

Klang und Haptik eines Instruments müssen demnach getrennt voneinander gedacht werden, in Folge wird eine Taxonomie dieser neuen, modularen Instrumente sehr schwierig. Die Instrumentenkunde steht vor großen Herausforderungen.

Virtuelle Instrumente in geistlicher Tradition

Virtuelle Instrumente stehen im Grunde in der Tradition konventioneller, modular aufgebauter Synthesizer. Vielfach sind sie rein klanglich eng an große, analoge Vorbilder des RL (real life) angelehnt und weisen eine detailgetreue optische Nachbildung der Originale auf. Zudem sind sie offen für verschiedenste Interfaces wie Computertastatur und Maus, MIDI-Keyboard, Bandmanual und ähnliches. Michael Harenberg zeigt in seinem Essay “Von der Orgel zum Cyber-Instrument” auf, dass wiederum die Kirchenorgel als Vorläufer dieser frühen, analogen Modulsynthesizer gesehen werden kann, denn bereits sie ist ein fortgeschritten modulares Instrument. Er kennzeichnet damit virtuelle Synthesizer als rezente Ausprägungen modularer Instrumente, deren Entwicklung bis zur Kirchenorgel zurückreicht. Wieder mal aus dem Archiv des Lüneburger Audio-Servers.

Entscheidend ist die Trennung von Spieltisch als „Interface“ und dem „Instrument“. Die Bedienungseinheit wird historisch erstmalig unabhängig vom Klangkörper inszeniert, ein Denken in der Trennung von „Komposition“ „Klang“ und seiner Erzeugung, welches nach 1945 in der Elektronischen- und Computermusik sowie im Parameterdenken der seriellen Ästhetik höchste Aktualität erlangen sollte. Gleiches gilt ähnlich für automatische Musikinstrumente in der Trennung von „Antrieb“, „Informationsspeicher“ und klingendem Instrumentarium bis zu den computerisierten Instrumenten unserer Zeit. (http://audio.uni-lueneburg.de/texte/harenberg_virtuell.pdf, S.4)

Weiterlesen:

Es sei hier auf ein 1930 erschienenes Werk von Leo Kestenberg hingewiesen, ein Pionierwerk der Auseinandersetzung mit dem Thema “Kunst und Technik”. Es ist – neben vielen anderen interessanten Werken –  zu bestellen oder gratis online einsehbar bei unserem Universitätsverlag epOs.

Hier ein Link zu einem Essay über Instrumenten-Design von Johannes Kreidler, Hinweis kam per Mail, danke dafür.