Der Auftritt meines Laptop Duos Jitter am vorletzten Wochenende in Hannover lieferte wieder mal einiges an Diskussionsstoff zum Thema Email-Paradigma, DJ-Kultur und musikalische Interfaces. Ich habe den Eindruck, dass hier grundlegende und tatsächlich neue musik- und medienwissenschaftliche Fragen nicht ausreichend beantwortet sind. Es ist zwar toll, in diversen Blogs auf faszinierende neue Interfaces zu stoßen, da passiert ja nach einer Zeit expansiven Wachstums des akustischen Cyberspace eine ganze Menge. So lange mir aber zum Beispiel nicht ganz klar ist, wo es und ob es überhaupt einen charakteristischen Unterschied zwischen Laptop-Livemusik und DJ-Kultur gibt, habe ich das Gefühl, dem ganzen fehlt ein theoretischer Unterbau. Es fehlt ein Werk wie “Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen” von C.P.E. Bach für die heutige Zeit, ein “Versuch über die wahre Art den Computer zu spielen”. Dieser Artikel ist bestimmt gerade dies nicht, aber er ist im besten Fall eine Art reflektierter Standpunkt. Ein hoffentlich unvoreingenommener Blick eines Musikers auf die DJ-Culture und wieder zurück auf den Laptop als Multi-Instrument.
Stein des Anstoßes für diesen Eintrag war eine Frage, die ich vor unseren Auftritten schon des öfteren gehört hatte: „Wann legt ihr denn auf?“ Den Reflex, darauf mit „wir spielen dann und dann…” zu antworten, habe ich schon vor längerer Zeit zu unterdrücken gelernt, vielleicht zunächst einfach aus Nachsicht. Es ist offensichtlich, dass es für das Publikum (haben DJs ein Publikum? Bestimmt, nur die beiden Begriffe passen für mich nicht so richtig zusammen. Tänzer sind das Publikum der DJs?!) nicht mehr wirklich transparent ist, was genau da mit den unsichtbaren Maschinen in den Laptops angestellt wird. Ich denke auch, dass diese Frage unabhängig von den benutzen Interfaces beantwortet werden kann und muss, schließlich hatte mein Kollege Björn ein Keyboard dabei, mit dem er Basslinien etc. live eingespielt hat. Neulich auf dem Open Source Festival in Düsseldorf war es sogar für mich schwierig zu beurteilen, was die Duos und Trios auf der Elektrobühne da machten (letztlich sind ja die Geräte von schräg unten immer schwer einzusehen, gerade wenn es keine Laptops sind, sondern Grooveboxen, Sequenzer oder auch digitale Turntables). Kurz: auch ich selbst musste mich fragen, was mich als Laptopist von einem DJ unterscheidet, und ob diese Unterscheidung überhaupt Sinn macht.
Der etwas brüskierte Reflex des traditionell-konservativ ausgebildeten Musikers, der ganz sicher nicht mit der sprichwörtlichen “Rollenden Mobildisco” in Verbindung gebracht werden möchte, die Hit um Hit tatsächlich nur nacheinander auflegt, ist zwar verständlich, aber ein wenig zu beengt gedacht (Achtung: dies sind Beobachtungen 2. Ordnung, die vorgeben oder zumindest versuchen, die eigene Standortgebundenheit zu reflektieren). Auch in der DJ-Culture gibt es ja Klangparameter, die live modelliert werden, von den Effekten wie Low-/Highpass Filtern oder Phasern, bis zur Ineinandermischung verschiedener – allerdings vorher meist gekaufter – Tracks, um den Fluss der Beats nicht zu unterbrechen. Drei Aspekte fallen mir dazu mehr oder weniger spontan ein:
Ich denke erstens nicht, dass man ernsthaft bestreiten kann, dass ein DJ zunächst prinzipiell musikalische Fähigkeiten haben muss, es sei denn, er legt bei Omas Kaffeekränzchen einen Sampler mit Liedern von Roy Black auf und seine Handlungen beschränken sich auf das Drücken der Play-Taste und der Einstellung einer dezenten Lautstärke. In einem Artikel über meine Leib- und Magensoftware Ableton Live hatte ich ja schon geschildert, dass die Echtzeit-Beeinflussung von Klangparametern für mich im Liveeinsatz die spannendere und durchaus musikalischere Alternative zur bloßen flexiblen Festlegung von Abläufen eines Stückes ist.
Zweitens ist Computermusizieren heute in gewisser Hinsicht immer schon eine Art Mikro-Auflegen, zumindest, wenn man dabei auf Sampler oder Sequenzer zurückgreift: Rhythmische Elemente (beim Sequenzer) oder klanglich aufgenommene, gespeicherte und später wiedergegebene Klänge (beim Sampling) sind im Spiel. Jeder gängige Sequenzer (Cubase, Logic, Live, etc.) erlaubt das Abspielen von Loops neben der Einbindung virtueller Instrumente, die dann über ein Keyboard oder ähnliches (oder ganz und gar unähnliches) gespielt werden können. In der Software ist also Wiedergabe und Echtzeit-Klanggestaltung bereits – untrennbar – miteinander vermischt. Der Laptopist ist auf die ein oder andere Weise meist ein Micro-DJ.
Das musikalische Live-Spiel im Sinne von “jetzt diesen Ton, dann jenen Ton, dann eine Pause, dann diesen Ton” ist drittens eine spezifische musikalische Fähigkeit, das möchte ich als konventionell ausgebildeter Musiker zumindest feststellen. Die Möglichkeit, durch Improvisation live und direkt intendierte, im Kopf vor-empfundene Tonfolgen zu gestalten, ist eine wichtige Komponente musikalischen Handelns und erlaubt eine immense Vielfalt der erzeugten Klänge. Ich glaube allerdings nicht, dass dies der Unterschied ist, der einen Unterschied ausmacht. Improvisation hat heute nicht mehr den Stellenwert, den sie in vorausgegangenen musikalischen Epochen hatte, und es ist außerdem ja nicht einmal so, dass DJs in ihrem Set nicht auch in die Tonhöhe der Musik eingreifen könnten.
Feststellungen:
a) Eine zunächst denkbare Unterscheidung wie: „Hier wird die Musik live gespielt und dort wird sie bloß wiedergegeben“ muss als verkürzt, bestenfalls als überholt gelten. Es kann auf der anderen Seite allerdings auch kaum um die bloße Einebnung der Begriffe “Musizieren” und “Auflegen” gehen. Beide sind womöglich weit besser als Extrempunkte zu begreifen, die in einer Art Diskurs das Spannungsfeld eröffnen, in denen Laptopmusik heute statt findet. Der Unterschied zwischen Livemusik und DJing kann allenfalls als gradueller Unterschied gedacht werden.
b) Eine Unterscheidung, so sie denn eingeführt werden kann, kann sich nicht auf die erzeugte Klang- oder Frequenzstruktur oder die Manipulation dieser beziehen.
c) Musizieren ist musikalisches Handeln, und dies ist als komplexe Kulturtechnik zusammengesetzt aus einer Reihe von Parametern, die nicht ontologisiert werden dürfen und gesellschaftlich bedingt neu und mit neuer Technik in anderer Gewichtung zusammengesetzt werden können.
Diese Feststellungen führen unter anderem zum Passus der Medienmusik, wie Rolf Großmann ihn bereits 1997 in diesem auch online verfügbaren Text beschreibt. Großmann hinterfragt die Kontinuität musikalischer Handlungszusammenhänge und betont den Umbruch der musikalischen Praxis, der mit der Tonaufzeichnung der elektronischen Medien begonnen hat. Medienmusik trifft ziemlich genau in die Mitte der hier ausgeführten Diskussion um Differenzierungen der Laptopkultur.
Das Kriterium für Medienmusik ist also nicht (…) eine synthetisch erzeugte Klang- oder Kompositionsstruktur, sondern die Zugehörigkeit zu einem durch spezifische technische Voraussetzungen geprägten Bereich musikalischen Handelns. (Großmann, Rolf: Abbild, Simulation, Aktion – Paradigmen der Medienmusik. In: Flessner, Bernd: Die Welt im Bild. Wirklichkeit im Zeitalter der Virtualität. Freiburg: Rombach. S.239.)
Was auf Events wie dem neulich in Hannover produziert wird, ist durchweg Medienmusik, egal, ob ein DJ oder ein Laptopduo den Raum beschallt. Forderungen nach qualitativen Unterschieden erscheinen obsolet. Das beantwortet allerdings nicht die Frage nach den graduellen Unterschieden zwischen Musik-Laptopismus und DJ-Culture, die vielleicht als unterschiedliche Mediennutzungsstile interpretiert werden können. Dies soll mit McLuhan und Sandbothe im nächsten Beitrag versucht werden.

