Die Kunst der nächsten Gesellschaft – eine launische Forelle?

Dirk Baeckers Thesen zur “nächsten Gesellschaft” sind ein streitbarer, insgesamt sehr wichtiger Versuch einer Erfassung der Computergesellschaft und ihres “Überschusssinns”. Nun hat er 15 Thesen zur nächsten Gesellschaft veröffentlicht. Interessanterweise gibt es mehrere Versionen der These 7, die sich auf diese Kunst der Computergesellschaft bezieht. Sebastian hat diese Veränderung hier dokumentiert:

These #7, zur Kunst der nächsten Gesellschaft, hat ein stilles Update erfahren. In der ursprünglichen Fassung (vom 16.05.) lautet sie:
(7) Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist wild und dekorativ. Sie zittert im Netzwerk, vibriert in den Medien, faltet sich in Kontroversen und versagt vor ihrer Notwendigkeit. Wer künstlerisch tätig ist, sucht für seinen Wahn-Sinn ein Publikum.
Die aktuelle These (streng genommen also 7′ – spätestens vom 20.05.) unterscheidet sich wie folgt:
(7) Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist leicht und klug. Sie weicht aus und bindet mit Witz. Ihre Bilder, Geschichten und Töne greifen an und sind es nicht gewesen.

Ich kannte nur Version 7′, die mich nachhaltig irritiert hat. Version 1 gefällt mir deutlich besser, während Nr.2 für mich zunächst nichts anderes als eine präzise Beschreibung von Funktionen der Musik in der (musikalischen) Romantik darstellt. Nur ein Beispiel, dass mir direkt einfiel: “Die Forelle” (hier in der Interpretation von Fischer-Dieskau und Moore) ist ein romantisches Kunstlied, mit denen Generationen von Musikschülern behelligt wurden und werden, hier wird dann oft das Wort-Ton-Verhältnis analysiert. Schubert schrieb die Musik, ein gewisser Schubart den Text:

 

In einem Bächlein helle,
Da schoss in froher Eil’
Die launischeForelle
Vorüber wie ein Pfeil.
Ich stand an dem Gestade
Und sah in süßer Ruh’
Des munter’n Fischleins Bade
Im klaren Bächlein zu.

 

Ein Fischer mit der Rute
Wohl an dem Ufer stand,
Und sah’s mit kaltem Blute,
Wie sich das Fischlein wand.
So lang dem Wasser Helle,
So dacht ich, nicht gebricht,
So fängt er die Forelle
Mit seiner Angel nicht.

 

Doch endlichward dem Diebe
Die Zeit zu lang. Er macht
Das Bächlein tückisch trübe,
Und eh’ ich es gedacht,
So zuckte seine Rute,
Das Fischlein zappelt d’ran,
Und ich mit regem Blute
Sah die Betrogene an.

 

Zunächst in Wort und Ton der Albtraum aller die Schulbank drückender Hip-Hop oder Gaga-Kids. Richtig spannend wird für mich (und auch für den Unterricht) dieses zunächst fast abstoßend süßliche Lied aber, wenn man die Entstehungsumstände kennt. Schubart war seinerzeit, ein paar Jahrzehnte vor Schuberts Vertonung, der Obrigkeit ein Dorn im Auge und wurde durch eine List des Herzogs Karl Eugen gefangen genommen. Er selbst ist also die launische, jetzt symbolische Forelle, die im trüben Wasser zuletzt doch gefangen wird. Die Wikipedia schreibt:

Dem dortigen Adel und Klerus wurde er aufgrund seines lockeren Lebenswandels, seines mangelnden Respekts sowie seiner scharfen Kritik an Aristokratie und Geistlichkeit zusehends ein Dorn im Auge. Nach vier Jahren sah sich Herzog Carl Eugen gezwungen, ihn des Landes zu verweisen.

(…)

Zwei Jahre später (1777) lockte Karl Eugen ihn mithilfe eines Lockspitzels nach Blaubeuren, um ihn auf württembergischem Territorium verhaften zu können (siehe auch: Schubartstube). Man brachte ihn auf die Bergfestung Asperg, wo er die folgenden Jahre das Opfer absolutistisch motivierter Umerziehungsmaßnahmen war.

Und plötzlich wird die Dur-Süße bitter, auch wenn sich die Noten selbst nicht verändert haben. Das Klavier plätschert weiter, aber wir wissen nun, dass die Musik etwas kommuniziert, dass sie eigentlich gar nicht kommunizieren kann. Es wird deutlich: diese Musik weicht aus, sie bindet mit Witz. Ihre Bilder, Geschichten und Töne greifen an und sind es nicht gewesen. Äh, Moment… Also wieder zurück zu Baecker. Ich habe die Vermutung, in These 7′ wird nur noch eine Eigenheit der Musik (/Kunst?) beschrieben, die sich kaum auf irgendeine Epoche beschränken lässt (natürlich auch nicht ausschließlich auf die Romantik). Wenn es nötig wird, kann und konnte sie immer auf ihre reine “Form” verweisen – um die es natürlich nicht geht.

One Reply to “Die Kunst der nächsten Gesellschaft – eine launische Forelle?”

  1. Aus dem Kommentar, den ich eigentlich hier hinterlassen wollte, ist ein ganzer Artikel geworden. Somit ist der Artikel auch gleichzeitig eine (vielleicht etwas umständliche) Antwort auf die Frage, ob sich die in These 7 formulierte Kunst auf irgendeine Epoche festlegen lässt. Allerdings lassen solche Fragen auch nur schwer einfache Antworten zu… also wenn’s Dich interessiert: http://sebastian-ploenges.com/blog/2011/neue-kunst-fuer-neue-gesellschaft/ – weisst Du vielleicht sogar was über Komposition in China?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *